Freiheit für Tiere
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Interview mit Barbara Rütting

"Gut für die Gesundheit, die Tiere, die Umwelt"

»Gut für die Gesundheit, die Tiere, die Umwelt und das Klima«

Als ich ein Kind war, stand »Mein Kochbuch« von Barbara Rütting in unserer Küche - denn 1977 entschied sich meine Familie, vegetarisch zu leben. Und da war das vegetarische Kochbuch von Barbara Rütting ein »Muss«. Damals wurden wir Vegetarierkinder angesehen, als kämen wir von einem anderen Stern. Und beide Omas waren felsenfest überzeugt, mein Bruder und ich würden jetzt nicht mehr wachsen. Inzwischen gehört es fast zum guten Ton, Vegetarier zu sein - und die Noch-Fleischesser beeilen sich zu betonen, dass sie »nur wenig Fleisch« essen. Zu dieser Mut machenden Entwicklung hat Barbara Rütting entscheidend beigetragen. Mindestens drei Generationen kochen nun schon mit ihren vegetarischen Kochbüchern. Und im August 2013 erscheint ihr erstes rein veganes Kochbuch.


Das Gespräch mit Barbara Rütting führte Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«

Barbara Rütting fühlt sich heute mit 85 Jahren

besser als mit 30. Foto: Manuela Liebler

Barbara Rütting, geboren 1927, spielte Hauptrollen in 45 Filmen, darunter in dem Antikriegsfilm »Die letzte Brücke«, »Die Geierwally«, »Operation Crossbow« mit Sophia Loren und »Stadt ohne Mitleid« sowie an allen wichtigen deutschsprachigen Bühnen.
Nach ihrem Umzug aufs Land erschien 1976 der Bestseller »Mein Kochbuch - naturgesunde Köstlichkeiten aus aller Welt«. 1985 folgte »Mein neues Kochbuch«, ebenfalls ein Bestseller.
In den 1980er-Jahren beendete Barbara Rütting ihre Schauspielkarriere und konzentrierte sich auf ihr Engagement für Umweltschutz, Menschenrechte und Tierrechte. Unermüdlich wies sie auf den Zusammenhang von Massentierhaltung, Bodenverseuchung, der Abholzung der Regenwälder und dem Hunger in der Welt hin. Sie kettete sich aus Protest gegen Tierversuche beim Pharmakonzern Schering an und demonstrierte gegen die Nachrüstung.
Barbara Rütting war seit Beginn Mitglied der GRÜNEN. Wegen der Zustimmung der GRÜNEN unter Joschka Fischer zum Einsatz im Kosovokrieg trat sie wieder aus.
Im September 2003 wurde sie für die GRÜNEN als Abgeordnete in den Bayerischen Landtag gewählt. 2008 wurde sie zum zweiten Mal gewählt, legte aber 2009 aus Gesundheits- und Gewissensgründen vorzeitig das Mandat nieder. Im September 2009 trat sie aus Protest gegen die Abkehr vom Pazifismus und den mangelnden Tierschutz erneut aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen aus.
Im September 2010 erschien ihr Buch »Wo bitte geht’s ins Paradies? - Burnout einer Abgeordneten und Neuanfang«, eine Aufarbeitung ihrer 6 Jahre Tätigkeit im Landtag.

Interview mit Barbara Rütting

»Freiheit für Tiere«: Einer repräsentativen Umfrage* zufolge bezeichnen sich acht von zehn Bundesbürgern als »sehr tierlieb«. Würdest du dich als »tierlieb« bezeichnen?

Barbara Rütting:
Als »tierlieb« wird sich wohl jeder nennen, der oder die ein Tier hat und liebt, aber kein Problem darin sieht, ein anderes Tier, wie ein Schwein oder ein Huhn oder Stück eines Kälbchens, zu verspeisen. Ich würde mich deswegen also eher als Tierrechtlerin bezeichnen.

Jeder weiß, was Rassismus ist oder Sexismus, und die meisten würden wohl auch dagegen sein, das ist in der Gesellschaft angekommen - aber kaum jemand kennt den Begriff »Speziesismus«. Der britische Psychologe und Philosoph Richard Ryder hat 1983 dieses Wort geprägt, damit gemeint ist in Analogie zum Rassismus die Unterdrückung anderer empfindsamer Lebewesen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer als minderwertig angesehenen Spezies. Ryder hat zunächst selbst Tierversuche gemacht und diese später entschieden abgelehnt.

Für mich bedeutet das: respektvoll mit allen Lebewesen umzugehen - sie so zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte. Konsequenterweise darf ich sie dann nicht töten und essen. Vermutlich und hoffentlich gibt es Lebewesen mit einem höheren Bewusstseinsstand, als wir Menschen ihn haben. Ich möchte ja auch nicht von denen als minderwertiges Wesen
eingesperrt, gemästet und aufgegessen werden, ich möchte auch nicht, dass sie in aboratorien an mir Versuche vornehmen. Wenn ich den Gedanken konsequent zu Ende denke, verändert sich mein gesamtes Leben. So lande ich zwangsläufig beim Vegetarismus oder sogar Veganismus. Aber die Menschen verdrängen diesen Gedanken gern, weil er unbequem ist und ihnen eine Änderung ihres Lebensstils abverlangt.

»Freiheit für Tiere«: Du warst schon in den 1970er Jahren eine der Trendsetterinnen für die vegetarische Lebensweise - nach deinen vegetarischen Kochbüchern kocht inzwischen die dritte Generation. Wann und warum hast du die Entscheidung getroffen, keine Tiere mehr zu essen?

Barbara Rütting:
Ich habe es schon oft geschildert: Vor etwa 40 Jahren zog ich auf einen Bauernhof, lernte die Tiere nun hautnah kennen - und konnte sie nicht mehr essen. Der Weg zur Tierschützerin war eingeschlagen und unwiderruflich. Hinzu kam, dass ich erste Anzeichen von Rheuma verspürte und hörte, dass eine vegetarische Lebensweise sich positiv auswirken würde - was tatsächlich stimmt. Ich stellte meine Ernährung auf vegetarisch und vollwertig um und habe das Rheuma seither »im Griff«. Meine Erfahrungen fasste ich in einem Kochbuch mit vegetarischen Rezepten zusammen, das ein Bestseller wurde, was niemand für möglich gehalten hätte. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte folgten insgesamt 20 weitere Bücher, daneben ließ ich mich zur Gesundheitsberaterin ausbilden, um meine als kochende Hausfrau gesammelten Erkenntnisse wissenschaftlich untermauern zu können.

»Freiheit für Tiere«: Inzwischen verzichtest du aus Liebe zu den Tieren auch auf Milchprodukte und Eier, lebst also vegan. Was gab den Ausschlag?

Barbara Rütting:
Vor einigen Jahren merkte ich, vegetarisch reicht noch nicht aus - ich aß zwar kein Fleisch, keine Wurst und keinen Fisch mehr, also nichts vom toten Tier, jedoch nach wie vor Eier und Milchprodukte. Und mir wurde immer klarer: Die muss ich auch noch vom Speisenzettel streichen - denn auch in Biohaltung werden die männlichen Küken geschreddert, die Kälbchen ihren weinenden Müttern weg genommen.

Vegan war und ist die Lösung. Gut für meine Gesundheit, die Tiere, die Umwelt und das Klima.

Allerdings fiel es mir anfangs ziemlich schwer, nun auch noch Butter, Sahne und Käse zu streichen. Darum rate ich allen, die auf vegan umsteigen wollen, in kleinen Schritten vor zu gehen, sonst können regelrechte Entzugserscheinungen auftreten.

»Freiheit für Tiere«: Nach etlichen vegetarischen Kochbüchern aus deiner Feder erscheint jetzt dein erstes Kochbuch mit rein veganen Rezepten.

Barbara Rütting:
Nachdem ich mich ausgiebig mit dem Für und Wider veganer Lebensweise beschäftigt habe, entstand das Buch »Vegan und vollwertig genießen - meine Lieblingsrezepte für Frühling, Sommer, Herbst und Winter«. Darin zeige ich, wie gut man mit rein pflanzlicher Kost über die Runden kommt.

Ein spannender Prozess - und ich experimentiere nach wie vor. Eine Mousse au Chocolat zum Beispiel mache ich statt mit Kuhsahne, Eiern und Honig mit einer Sahne aus Cashewnüssen und Banane. Schmeckt phantastisch!

»Freiheit für Tiere«: Ist es nicht schwierig, manche Rezepte ohne Milch, Eier oder Sahne zuzubereiten?

Barbara Rütting:
Aber es geht! Statt Milch und Sahne von der Kuh mixe ich eben eine Sahne aus Cashewnüssen, Banane und/oder Datteln. Statt der Butter schmeckt sehr gut Kokosfett, Nuss- oder Mandelmus oder pflanzliche Aufstriche, die ich selbst zubereite oder im Bioladen kaufe. Eier kann man oft einfach weglassen oder durch Stärkemehl ersetzen - oder Apfelmus oder kohlensäurehaltiges Wasser verwenden. Statt Käse zum Überbacken nehme ich einen Mix aus gemahlenen Sonnenblumenkernen und Hefeflocken. In Bio-Läden oder vegetarischen Supermärkten gibt es zudem alle möglichen Ei-Alternativen, die mir aber zu künstlich sind, ich bevorzuge die selbstgemachten Varianten.

»Freiheit für Tiere«: Wenn du mit Freunden essen gehst und jemand bestellt Pizza mit Käse - wechselst du den Tisch?

Barbara Rütting:
Nein, ich habe ja schließlich keinen Eid abgelegt, ausschließlich vegan zu leben. Wenn ich das Gefühl hätte, unbedingt eine Schwarzwäldertorte essen zu wollen,
würde ich sie essen. Allerdings stellt sich der Geschmack interessanterweise um, so dass ich eigentlich gar keine Lust auf Kuh-Sahnetorte habe.

Wichtig gerade im Zusammensein mit unseren Mitmenschen ist: Wir sollten tolerant sein, nicht jeden in die Pfanne hauen, der noch ein Krümelchen Käse auf der Pizza hat oder einen Klacks Sahne in der Soße und vielleicht noch nicht so weit ist, wie wir - zu sein glauben.

»Freiheit für Tiere«: Mir gefällt der Spruch »Vegetarier bleiben länger knackig!« - Mit deinen 85 Jahren bist du dafür das beste Beispiel!

Barbara Rütting:
Es geht mir nicht darum, möglichst alt zu werden und das noch möglichst faltenfrei, sondern die Zeit, die ich zu leben habe, so gesund wie möglich zu sein. Ich werde immer für robust und fit gehalten, bin aber alles andere, nämlich in jeder Hinsicht überempfindlich. Wenn man ein pralles Leben führt wie ich, geht es nicht ohne Blessuren ab, mit denen muss ich mich abplagen wie alle anderen auch. Was mir immer wieder auf die Beine hilft, habe ich in einem Buch gleichnamigen Titels beschrieben - eine vollwertige vegetarische Ernährung, genügend Bewegung, positives Denken - singen, lachen und
weinen, mit meinem geliebten Hund laufen, für andere da sein, jeden Tag etwas tun, damit die Welt ein bisschen glücklicher wird. Und da gibt es so viel zu tun!

»Freiheit für Tiere«: Liebe Barbara, vielen Dank für das schöne Gespräch - und vielen Dank für deinen unermüdlichen Einsatz für die Tiere!


*Umfrage GfK Marktforschung Nürnberg, 2009: 80,8 % der Deutschen bezeichnen sich als »sehr tierlieb« und 72,3 % meinen, Deutschland sei ein tierfreundliches Land.

Vegan & vollwertig

Eine regional und saisonal ausgerichtete rein pflanzliche Ernährung ist die beste für Mensch, Tier und Umwelt.

Durch viele wissenschaftliche Studien wie zum Beispiel die »China-Studie« ist inzwischen bewiesen: Eine Ernährung ohne Bestandteile vom Tier, richtig und abwechslungsreich durchgeführt, ist die gesündeste!

Die bekannte Gesundheitsberaterin und Kochbuchautorin Barbara Rüttting kombiniert vollwertige vegane Rezepte mit einem an die Jahreszeiten angepassten Speiseplan. In ihrem neuen Buch stellt sie ihre Lieblingsmenüs vor, die jeden davon überzeugen, wie köstlich diese Ernährungsweise ist. Sie gibt Tipps für Ein- und Umsteiger und zeigt, wie man auch mit Messer und Gabel die Umwelt schützen und guten Gewissens genießen kann.

Informationen: www.barbara-ruetting.de

Barbara Rütting: Vegan & vollwertig
Meine Lieblingsmenüs für Frühling, Sommer, Herbst und Winter
ca. 176 Seiten, durchgehend farbig mit Fotos
Nymphenburger Verlag, 1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-485-01430-4
Preis: 19,99 EUR D / 20,60 EUR A / 29,90 CHF