Freiheit für Tiere
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Waschbären haben (fast) keine Lobby

Das personifizierte Böse. Da hilft nur eins:

Abknallen. Feuer frei! In der vergangenen Jagdsaison wurden in Deutschland 75.762 dieser Tiere »neutralisiert«. · Foto: Artemtation/Pixabay

Gnadenlos verfolgt, gequält und massakriert

Von Jürgen Heimann

Hierzulande ist der Waschbär ja auf dem besten Wege, den ach so bösen Fuchs als »Public Enemy Nr. 1« abzulösen. Der zwielichtige Maskierte, angeblich von Natur aus schlecht, stellt eine existentielle Bedrohung unserer Zivilisation dar. Zumindest möchte man uns das glauben machen. Viele Gründe werden genannt, die die Notwendigkeit unterstreichen, diesen Tieren noch vehementer als bisher den Pelz über die Ohren zu ziehen. So sollen die Waschbären zum Beispiel den Bestand der europäischen Sumpfschildkröte bedrohen, die es allerdings nur (noch) in Brandenburg gibt - in einer Stückzahl von 70 Exemplaren. Macht aber nix. Als Totschlagargument, den Tieren bundesweit nachstellen zu müssen (und zu dürfen) - und das noch exzessiver als bis dato -, reicht das allemal.

Andere, zumeist von Jägern angeführte, und angeblich zwingend für einen solchen tierischen Genozid sprechende »Fakten« sind von vergleichbarer inhaltlicher Stringenz. Die kleinen Bären gelten als die Terror-Prädatoren des deutschen Naturhaushaltes. Ausgeburten der Hölle, Manifestation des Schreckens. Deshalb: Feuer frei und Fallen auf! Das einschlägige PR-Trommelfeuer der schießenden Interessenverbände zeigt auch in der öffentlichen Wahrnehmung dieses Problems Wirkung. Headlines wie »Der maskierte Jäger erobert das Land«, »Wilder Waschbär wütet in Wohnung«, »Terror-Waschbär macht Regierungsviertel unsicher« (wenn der Hintergrund nicht so ernst wäre, müsste man drüber lachen), »Aggressive Waschbären killen Jagdhunde« oder »Waschbären für Artensterben verantwortlich« rascheln in Endlosschleife durch den gedruckten und den digitalen Blätterwald. Irgendetwas bleibt schon hängen.

Woher diese Informationen kommen und wer das größte Interesse an ihrer Verbreitung hat, ist offensichtlich. Und deren Wahrheitsgehalt entspricht, auch was die suggestive Aufbereitung anbelangt, oft dem von Aufmachern der Schmuddelzeitung mit den vier großen Buchstaben. Das zu Grunde liegende Prinzip ist aber nicht neu und ein gängiges Hilfsmittel der Manipulation und gezielten Desinformation. So etwas begegnet uns in vielen Bereichen.

Vor diesen »Bestien«

kann einem ja auch angst und bange werden… In Amerika wird die Jagd auf diese Tiere zur Volksbelustigung erhoben. Speziell dafür ausgebildete Hunde scheuchen die Kleinbären auf Bäume, Herrchen knallt sie dann heldenhaft ab. Dafür gibt es Wettbewerbs-Punkte. · Foto: Amadeus Persicke - Fotolia.com

Die Jäger verkaufen uns Waschbären

als "Public Enemy Number 1"

Im Jagdjahr 2013/2014 haben die germanischen Nimrods laut Jagdstatistik 75.762 »Raccoons«, so der englischsprachige Begriff für den Waschbären, zur Strecke gebracht - offiziell. Die Dunkelziffer könnte darüber liegen, deutlich. Der Gesamtbestand dieser Allesfresser wird auf bundesweit 500.000 Exemplare geschätzt.
Tendenz: angeblich rasant steigend.

Ein amerikanischer Held:

Hat unter Einsatz seines eigenen Lebens das zweier maskierter Pelz-Monster beendet. Tolle Leistung! · Foto: Youtube-Screenshot

Tennessee: Waschbärenjagd als Volksbelustigung

Bei unseren Verbündeten jenseits des großen Teiches, deren Wertvorstellungen mit den unseren angeblich deckungsgleich sind, leben ein paar mehr von diesen Gesellen. Waschbären stammen ja ursprünglich aus Nordamerika, lebten aber auch schon vor 25 Millionen Jahren in »Good old Europe«. Die Schusswaffen-verliebten US-Amerikaner sind wesentlich erfahrener, erfolgreicher und auch rigoroser darin, den üblen Burschen mit der putzigen Physiognomie den Garaus zu machen. Vielleicht mag der ein oder andere Kollege hierzulande insgeheim von solchen paradiesischen Voraussetzungen träumen: Denn amerikanische Jäger haben die Waschbärenjagd zur Volksbelustigung erhoben. In dem kleinen Städtchen Parsons in Tennessee wird Jahr für Jahr die (laut Veranstalter) größte Waschbären-Hatz der Welt ausgetragen. Aufgezogen ist diese grenzwertige Show wie eine große Kirmes - ein allen Ernstes als »Fun-Event für die ganze Familie« deklarierter Mordsspaß. It’s partytime! Organisator ist die Montgomery County Waschbärenjagdgesellschaft (Montgomery County Coon Hunters Association). Man muss sich das einmal vorstellen: ein Verein oder Interessengemeinschaft, dessen/deren »Zweck« einzig und allein darin besteht, einer bestimmten Tierart den Garaus zu machen. Zum Einsatz kommen bei diesem »sportiven Wettstreit« vor allem so genannte »Coonhounds«. Das sind speziell für die Waschbärenjagd gezüchtete Hunde, deren Aufgabe es dabei ist, die bärige Beute aufzuspüren, zu stellen und gegebenenfalls auf einen Baum zu scheuchen. Herrchen braucht dann nur noch ritterlich abzudrücken. Wessen Waldi die meisten »Coons« stellt, hat gewonnen: »The candidate scored 18 points!« Wobei jeder Punkt für einen in diesem ungleichen Kampf besiegten Gegner steht. Dafür winken stattliche Preisgelder.

Und die unterhaltsame Sause dient auch noch einem guten Zweck - in doppelter Hinsicht. Einmal dem natürlich, den Waschbären zu zeigen, wo der Hammer hängt. Und zum Zweiten: Ein caritativer Anstrich steigert Akzeptanz und Vergnügen um ein Vielfaches, macht die Teilnahme an diesem Zinnober quasi zur patriotischen Pflichtübung. Der Reinerlös dieser unter Schießbudenbedingungen ablaufenden Grausamkeits-Olympiade war auch in diesem Jahr für das St. Jude-Children’s Research-Hospital in Memphis/Tennessee bestimmt, einem der führenden Krankenhäuser der USA für Leukämieforschung und -behandlung. So lassen sich Lust am Töten und gelebte Nächstenliebe mit­einander verknüpfen. Eine Geschmacklosigkeit, die an Perfidität eigentlich nicht mehr zu toppen ist.

Erschlagen, ausgeweidet, zerlegt:

Zu was »Menschen« fähig sind! Die Jungen dieser im mittelhessischen Lauterbach geschlachteten Waschbärin konnten trotz intensiver Suche nicht gefunden werden. Sie dürften inzwischen jämmerlich verhungert sein. · Foto: Dr. Francesco Dati

Grausame Waschbärenjagd in Hessen

Das war auch ein Vorfall nicht, der sich im Frühjahr im mittelhessischen Lauterbach ereignet hatte. Im Vogelsbergkreis, aber nicht nur dort, gibt es offenbar mehr als genug Gestörte, bei denen die Propaganda-Salven Wirkung zeigen: Waschbären müssten ausgerottet oder zumindest massiv und exzessiv verfolgt werden, weil sie uns und die Artenvielfalt der Natur bedrohen. Hier fällt die von irrationalen Urängsten gespeiste Saat des Hasses auf fruchtbar-mörderischen Boden.

Ein mühsames Geschäft:

Die wenige Tage alte Jungen, deren Mutter so bestialisch geschlachtet wurde, müssen zunächst mit Hilfe einer Einwegspritze ernährt werden. Später tut‘s auch ein Fläschchen. Die Waschbärenbabys sind nur wenige Zentimeter groß und völlig hilflos. · Foto: Dr. Francesco Dati

Waschbärenmütter brutal getötet -

Ehepaar nimmt hilflose Babys auf

Ein beispielloser Akt von unfassbarer Brutalität: Auf einem Wiesengrundstück waren zwei Waschbärinnen nach einem entsetzlichen Martyrium geschlachtet worden. Sie hatten gegen ihre Verfolger keine Chance. Ihre Jungen auch nicht: In irgendeiner Höhle der zahlreichen dort stehenden Bäume verborgen, dürften nach spätestens drei Tagen verhungert sein. Wenigstens in einem Fall gelang es, das Nest ausfindig zu machen. Die fünf wenige Tage alten Tierbabys fanden bei einem Ehepaar im Nachbarort Aufnahme und wurden dort mit der Flasche aufgezogen.

Aufgrund der Spuren lässt sich folgendes rekonstruieren: Die Waschbärinnen waren zunächst mit und in so genannten Gitterfallen festgesetzt worden. Eines der Tiere zog sich beim panisch-verzweifelten Versuch, sich zu befreien, tiefe Verletzungen an den Vorderpfoten zu. Es wurde in Folge von seinen Peinigern mit einem Knüppel erschlagen, dann mit einem Messer ausgeweidet und förmlich in Streifen geschnitten. Ein großer Teil des Körpers fehlte. Nicht ausgeschlossen, dass das Fleisch im Bräter gelandet ist. So etwas soll es ja auch geben. Allein bei dieser Vorstellung dreht sich normal veranlagten Zeitgenossen schon der Magen um. Inzwischen propagieren aber selbst prominente Fernsehköche die entsprechende Verwertung von Waschbärenfleisch, während solchem sogar Vertreter des Naturschutzbundes das Wort reden. So wird versucht, der exzessiven Jagd auf die Pelzträger einen vermeintlichen Sinn zu geben.

Das zweite Tier hatte seinen Häschern offenbar zunächst entkommen können und war unter einen Baum geflüchtet, wo es dann aber von seinen Verfolgern mit einer Latte, in deren vorderem Teil ein langer Nagel steckte, brutal erschlagen und aufgeschlitzt wurde. Aber das Tier hatte auch in Todesgefahr seine Mutterinstinkte nicht unterdrücken können und vermutlich bewusst eine falsche Spur gelegt, indem es die Verfolger an eine unverfängliche Stelle lockte. Ihre fünf Jungen wusste die Bärin so in einem ganz anderen, in der Nähe stehenden Baumstumpf in Sicherheit, wo die Babys später, wenn auch halbverhungert, gefunden wurden.

Die Eigentümer des weitläufigen, nicht völlig eingezäunten Anwesens dulden die Anwesenheit der schwarz-weißen Kleinbären seit Jahren nicht nur, sondern freuen sich auch über ihre regelmäßigen Besuche. Und vor allem auch darüber, dass sie sich hier so wohl und sicher fühlen, ihre Jungen zur Welt zu bringen und aufzuziehen. Die Horror-Bilder, die sich dem tierliebenden Ehepaar boten, haben ein Weltbild zerstört.

Unglaublich: Vertreter der Jägerschaft erhoben gegenüber der Polizei den Vorwurf, der Vorfall sei inszeniert worden, und zwar nur deshalb, um die Waidmann- und -frauschaft zu diskreditieren und gegen die Jagd auf Waschbären Stimmung zu machen. In welcher Welt leben wir eigentlich?

Aufgepäppelt:

Nach sechswöchiger Rund-um-die-Uhr-Betreuung sind die kleinen Waschbären übern Berg. · Foto: Jürgen Heimann

Hier sind sie in Sicherheit.

Harald Roth betreibt mit seiner Frau eine private Auffang- und Aufzuchtstation im hessischen Lauterbach. Teilweise betreuen die beiden hier bis zu 70 verwaiste Tiere, deren Eltern von Jägern erschossen oder im Straßenverkehr getötet wurden. · Fotos: Jürgen Heimann