Freiheit für Tiere
Sie sind hier: Startseite » Artikel

Zwischenstopp der Kraniche am Lac du Der

Kraniche über dem Lac du Der

in der französischen Champagne. · Bild: Shutterstock

Der Lac du Der in der französischen Champagne ist ein Paradies für Vögel. Kein Wunder, dass auch die Kraniche auf ihrem Weg in den Süden hier rasten und manche sich sogar entschließen, den Winter an diesem großen Stausee mit seinen reichen Nahrungsquellen zu verbringen. Extra wegen der Kraniche sind wir im vergangenen Jahr an einem November-Wochenende an den Lac du Der kommen. Wie praktisch, dass die Staufener Gruppe vom Bund für Umwelt und Naturschutz diese begleitete Busfahrt angeboten hat. Nun stehen wir mit etwa 30 weiteren Kranich-begeisterten Mitfahrern auf dem Deich dieses Stausees und schauen gespannt auf die türkisblaue Wasserfläche mit ihren kleinen Inselchen. Da wimmelt es nur so von Vögeln. Die sind allerdings gut 200 Meter von hier entfernt und nicht so genau mit bloßem Auge zu erkennen.

Extra wegen der Kraniche sind wir im vergangenen Jahr an einem November-Wochenende an den Lac du Der gekommen. Wie praktisch, dass die Staufener Gruppe vom Bund für Umwelt und Naturschutz diese begleitete Busfahrt angeboten hat. Nun stehen wir mit etwa 30 weiteren Kranich-begeisterten Mitfahrern auf dem Deich dieses Stausees und schauen gespannt auf die türkisblaue Wasserfläche mit ihren kleinen Inselchen. Da wimmelt es nur so von Vögeln. Die sind allerdings gut 200 Meter von hier entfernt und nicht so genau mit bloßem Auge zu erkennen.

»Sind denn überhaupt Kraniche dabei?«, fragt die Frau mit der geringelten Mütze gespannt. Siggi dreht ihr sein Spektiv hin. Durch dieses Fernrohr, das auf einem Stativ befestigt ist, lassen sich die gefiederten Zweibeiner schon besser ausmachen. »Ganz hinten bei den Sträuchern am Rande der großen Wiese stehen ein paar«, sagt Siggi und zeigt mit weit ausholender Handbewegung herüber in Richtung Horizont. Martin, der Biologe, und Siggi, der sich selbst als Hobby-Ornithologe bezeichnet, bereichern die Gruppe mit ihrem Fachwissen und den Möglichkeiten zum Weitblick. Siggi war schon ein paar Mal hier und führt uns zu den besten Beobachtungspunkten.

Vogelfreunde, die mit dem Bus aus Staufen

im Breisgau gekommen sind, beobachten die Zugvögel am »Lac du Der« in der Champagne. Mit knapp 48 Quadratkilometern ist der »Lac du Der« der größte Stausee in Frankreich. · Bild: Winfried Stinn

Dreihundert Vogelarten sind am Lac du Der

während des Jahres zu beobachten

Mehr als zweihundert Vogelarten, von denen manche vom Aussterben bedroht sind, aber auch Libellen, Amphibien und andere Tierarten suchen im Laufe eines Jahres den Lac du Der und die angrenzenden kleinen Seen auf.

Am Ufersaum ist viel Betrieb! Unzählige Kormorane und Graureiher rasten oder nehmen ein Bad, auch die Graugänse sind schon da. Mitten im Getümmel stolzieren Seidenreiher, ihre langen, weißen Federn vibrieren im Wind und schimmern dabei zart wie Seide. Mit Fernglas oder Spektiv beobachten die Vogelfreunde aus dem Schwarzwald, was sich im Einzelnen tut, unten an der Wasserkante und zwischen den Schilfhalmen. Siggi justiert jetzt das Fernrohr auf einen Brachvogel. An seinem gebogenen Schnabel ist er sehr gut zu erkennen.

Wer hierher kam, um die Kraniche zu sehen, ist erst einmal enttäuscht, nur weit entfernt eine kleine Gruppe dieser Vögel zu entdecken, die sich zudem nur durch das Fernglas beobachten lassen. Haben wir nicht unterwegs aus dem Bus schon vereinzelt einige auf Feldern herumpicken gesehen? »Ja eben«, lacht Siggi. »Geduld, ihr braucht Geduld! Die meisten sind jetzt noch unterwegs auf Futtersuche!«

Auf ihrem Flug in die Winterquartiere

in Südfrankreich, Spanien und Marokko rasten Kraniche und andere Zugvögel jeden Herbst am Lac du Der. Im Frühjahr machen sie auf ihrer Reise ins nördliche Europa hier wieder Zwischenstation. · Bilder: Winfried Stinn

Die Kraniche und der Lac du Der

Aber dann geht es los: »Grü, Grü…« Durch die Luft schwirrt plötzlich ein temperamentvoll krähendes Gurren. Das ist der Ruf der Kraniche, von Fachleuten als »Trompeten« bezeichnet. Da wenden sich schlagartig alle Blicke zum Himmel. Elegant, wie an einer Schnur aufgereiht, zieht ein Schwarm der großen grauen Vögel von den Äckern herüber zum See. Sie sind in der Lage, bis zu 80 Kilometer pro Stunde zurückzulegen und sie nutzen beim Fliegen den Windschatten ihres Vorfliegers. So sparen sie Energie.

Um für die lange und kräftezehrende Weiterreise in den Süden gerüstet zu sein, suchen die Kraniche tagsüber auf den umliegenden Mais- und Kornfeldern nach Nahrung. Auf den abgeernteten Stoppelfeldern lässt sich immer noch genug finden. Ungern gesehen ist bei den Bauern bloß, wenn sie frisch Eingesätes herauspicken. Im seichten Wasser stehend werden sie nun bald die Nacht verbringen.

Viele Kraniche haben in Schweden gebrütet. In der kalten Jahreszeit finden sie kaum noch Nahrung in den nördlicheren Gebieten. Darum formieren sie sich Ende des Sommers in Schwärme für die lange Reise quer durch Europa, um in wärmeren Ländern zu überwintern. Nach einem Zwischenstopp auf der Insel Rügen, der Mecklenburgischen Seenplatte oder dem Rhinluch mit dem Teichland Linum im Havelland ist der Lac du Der eine weitere Etappe auf ihrer großen Tour.

Seit 1974 kommen sie hierher. Damals wurde der große Stausee gebaut, um den Flusslauf der Marne zu regulieren und so das Marne-Tal und im weiteren Verlauf die Stadt Paris vor Hochwasser zu schützen. In trockenen Hochsommern sorgt das Rückhaltebecken für ausreichenden Wasserstand der Seine. Mit seiner Wasserfläche von 4.800 Hektar zählt der Lac du Der zu den größten künstlich angelegten Seen Europas - ein riesiger Lebensraum, in dem ein eigenes Ökosystem mit einer reichen Pflanzen- und Tierwelt entstanden ist. Die Vögel schätzen die kleinen Inselchen im See als Rückzugsmöglichkeiten. Das gesamte Naturreservat umfasst 5561 Hektar. Kein Wunder, dass der Lac du Der als Paradies für Vogelkundler gilt. Der Name »Der« stammt übrigens aus dem Keltischen und heißt »Eiche«, denn Eichen sind in den umliegenden Wäldern stark vertreten.

Es ist der graue Kranich, lateinisch als »Grus Grus« bezeichnet, der hauptsächlich hier am Lac du Der anzutreffen ist. Mit einer Flügelspannweite von mindestens zwei Metern ist er der größte Wildvogel in Frankreich. Er ziert als Wahrzeichen der Region deren Wappen. Von Mitte Oktober bis Mitte März kann man ihn am Lac du Der beobachten. Jedes Jahr rasten 200.000 bis 350.000 der majestätischen Vögel auf ihrem Weg in den Süden. Als Rekordjahr gilt 2014. Da sollen für eine kurze Zeitdauer 206.582 Kraniche zur gleichen Zeit einen Zwischenstopp eingelegt haben.

Es ist ein beeindruckendes Naturschauspiel,

wenn die Kraniche bei Sonnenuntergang in großen Schwärmen und mit Trompeten - so werden ihre typischen Rufe genannt - den »Lac du Der« anfliegen, um hier die Nacht zu verbringen. Jeden Herbst rasten am »Lac du der« 200.000 bis 350.000 Kraniche auf ihrem Weg in den Süden. · Bilder: Winfried Stinn

Beobachtung der Kraniche im Sonnenuntergang

Ein beeindruckendes Spektakel ist es immer für die Zuschauer, wenn die von den Feldern zurückkehrenden Kranichschwärme ihr Nachtlager aufsuchen. Wir haben Glück und erleben einen traumhaften Sonnenuntergang! Die sinkende Sonne inszeniert für die Vögel eine wunderschöne Kulisse von farbenprächtigen gelben, roten und rosa Streifen.

Für genau diesen Augenblick haben nun zahlreiche Vogelliebhaber ihre Spektive aufgebaut oder warten ungeduldig mit Ferngläsern, Film- und Fotokameras. Wer in der ersten Reihe stehen will, muss beizeiten da sein. Um die Vögel nicht zu stören, ist es wichtig, einen relativ großen Abstand zu wahren. Ihre Fluchtdistanz liegt bei etwa 200 Metern, weiß unser Biologe Martin. Neben den Kranichen haben sich auch viele Graureiher im See niedergelassen. Im dunkler werdenden Licht bilden bald alle nur noch einen schwarzen Kontrast zu dem See, der sich immer mehr rot färbt.

Längst ist an diesem Abend die Sonne untergegangen und empfindliche Kälte kriecht in die Kleider. Da legt das Feuer am Himmel noch einmal nach und zeichnet besonders kräftige Rottöne. Mehrere Kranich-Formationen zugleich bevölkern immer wieder das orange-rote Aquarell am Himmel. Bis zu 1.500 Meter hoch können sie sich in die Luft schwingen, ja, es wurden beim Flug ins Winterquartier auch schon Schwärme auf einer Flughöhe von 2.000 Metern gesichtet.

Bald schon wird es soweit sein. Die Vögel werden eine Hochdruck-Phase des Wetters nutzen, um sich auf den letzten Teil ihrer weiten Reise zu begeben. Auf dem Westeuropäischen Vogelzugweg werden dann rund 250.000 der Vögel nach Extremadura und in die Laguna de Gallocanta bei Saragossa in Spanien weiterfliegen. Andere überwintern in Nordafrika und einige wenige Tausend in Portugal und Westafrika. In Südfrankreich bleiben etwa 130.000. Das jedenfalls sagen die Zahlen aus dem vergangenen Jahr.

Übrigens werden nicht alle Kraniche vom Lac du Der aus weiterziehen. In den vergangenen Jahren verbrachten etwa 20.000 der grauen Vögel auch den Winter hier. Übrigens überwintern inzwischen auch mehrere Tausend Kraniche in Deutschland. Im wärmer werdenden Klima finden sie zunehmend nun auch im Winter an manchen Orten genügend Nahrung, wo dies zuvor nicht möglich war. Zum Brüten aber geht’s im Frühling wieder Richtung Norden. Auf der Balz werden sie dort zeigen, wie wunderbar sie tanzen können. Das muss ein ganz besonderes Schauspiel sein! Wer am Lac du Der beobachtet, wie leichtfüßig sie sich auf ihren dünnen Beine fortbewegen, ja, wie sie manchmal geradezu tänzelnd schweben, der kann sich ihre Posen vorstellen, mit denen sie die Auserwählte umgarnen. Das einmal zu erleben, müsste beeindruckend sein!

Doch zunächst einmal hat es sich auf jeden Fall gelohnt, extra wegen der Kraniche ein Wochenende in der Champagne zu verbringen! Spannend waren dabei nicht nur die Kraniche, sondern auch die Menschen, die wir auf dieser Fahrt kennengelernt haben.

Die neunjährige Lina und ihr Großvater,

der Umweltaktivist

Unter der Reisegruppe befand sich auch die neunjährige Lina Kurths. Sie war das einzige Kind, das zur Kranich Beobachtung mitgekommen war. Mit eigenem Fernrohr war sie mit ihrer Mutter und ihren Großeltern angereist und fand sich oft in der Nähe der Vogelspezialisten, um durch deren Spektive einen noch besseren Blick zu erhaschen und ihren Erklärungen zu lauschen. Stundenlang weilte sie in großer Geduld und Aufmerksamkeit an den Beobachtungsstellen. Mit neun Jahren dieses ausgesprochen differenzierte Interesse an der Vogelwelt! Das erregte unsere Aufmerksamkeit und begeisterte uns.

Der Kontakt mit Lina zeigte dann vor allem eines: Sie hat ein ausgesprochen starkes Interesse an der Natur. Und: Dass schon so früh ein solches Interesse gefördert wird, dafür kann die Familie viel tun. Lina hat ein besonderes Glück, in ein Umfeld hineinzuwachsen, in dem sie sehr früh aktiven Einsatz für die Natur erleben kann.

Ihr Großvater ist der BUND-Umweltaktivist Dr. Frank Baum, der diese Exkursion begleitet und fachlich moderiert hat. Er erhielt im Januar 2018 als langjähriger Kämpfer für Umwelt- und Naturschutz den renommierten Gerhard-Thielcke-Preis, mit dem der BUND den promovierten Biochemiker und Vertreter der Umweltbewegung für sein Lebenswerk ehrte.

»Seit fast 50 Jahren ist Frank Baum Verteidiger von Natur und Umwelt am Südlichen Oberrhein. Ohne Menschen wie ihn wäre der bundesweite Atomausstieg nicht gekommen und viel wertvolle Natur wäre wohl verschwunden«, so Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende des BUND Baden-Württemberg in ihrer Laudatio. In der Anti-Atom-Bewegung hatte sich Frank Baum bereits um 1970 einen Namen gemacht, als er und viele andere Aktivisten den Bauplatz für das geplante Atomkraftwerk bei Wyhl besetzten. Frank Baum organisierte in den vergangenen fast 50 Jahren Demonstrationen und Protestveranstaltungen genauso wie Vorträge, Exkursionen in die Natur und Vogelstimmenführungen. Aktionen gegen das Waldsterben und gegen die Zerstörung von Biotopen gehörten für ihn genauso zum Spektrum wie Untersuchungen über Käfer und Käferfauna im Schwarzwald. In jüngster Zeit ist vor allem das Insektensterben und der Rückgang der insektenfressenden Vögel seine größte Sorge.

An Kraniche hat Frank Baum zahlreiche Erinnerungen. Er sagt: »Nach dem Krieg lebten wir im Westen, die Großeltern aber im Erzgebirge in der DDR. Da gab es keine Kraniche, aber es gab sie im Norden der DDR. Da durfte man aber nicht so ohne weiteres hinfahren, so dass Kraniche für mich lange Zeit eine Art „Traumvögel“ waren.« Einen prägenden Einfluss hatte auch das Buch des Ornithologen Bengt Berg »Mit den Zugvögeln nach Afrika« aus dem Jahr 1924, das Frank Baum von einem Onkel geerbt hatte. »Nach der Wende waren wir dann auch bald im Norden der ehemaligen DDR, wo wir dann endlich tatsächlich Kraniche gesehen haben. Ich war dann auch öfter allein mit dem Wohnmobil in den neuen Bundesländern unterwegs und habe dort faszinierende Massenansammlungen von Kranichen gesehen, z.B. im Rhinluch bei Berlin. Naja, so ist mir der Kranich immer vertrauter geworden. Die Reise zum Lac du Der war natürlich der bisherige Höhepunkt.«

Ein Höhepunkt war diese Reise auch für Lina. Und eines der ganz besonderen Naturerlebnisse, das sie auch mit ihrem Großvater teilen konnte.

BUND-Umweltaktivist Frank Baum

mit seiner Frau und seiner neunjährigen Enkeltochter Lina am »Lac du Der«.

Interview mit Lina

Seit wann interessierst du dich für Naturthemen?

Lina: Wir waren mit der Familie immer schon ganz viel draußen, was mir immer Spaß gemacht hat. Dabei habe ich schon viele Blumen und Tiere kennen gelernt. Spannend finde ich alles rund um Frösche, Kröten, Molche, Kaulquappen. Und dann natürlich die Vögel, vor allem die bei uns im Garten. Ein Fernglas liegt immer in der Schublade.

Wie gut kennst du dich mit Vögeln aus?

Lina: Also, richtig gut kenne ich mich nicht aus. Die Vögel im Garten kann ich aber fast alle erkennen. Besonders freue ich mich, wenn der Wiedehopf durch unseren Garten fliegt und der Buntspecht an den Bäumen klopft. Einen richtigen Lieblingsvogel habe ich nicht, aber der Kranich ist einer der Vögel, die ich am tollsten finde.

Wie hat dir die Fahrt zu den Kranichen gefallen? Hast du dabei eine für dich neue Entdeckung gemacht?

Lina: Die Fahrt zu den Kranichen hat mir gut gefallen. Ich erinnere mich besonders an den Sonnenaufgang und den mit lauten Kranichrufen verbundenen Aufbruch der Vögel an ihre Futterplätze. Dafür sind wir um 5:45 Uhr aufgestanden. Ich würde gerne wissen, wie sich die Vögel absprechen, wer die Kommandos gibt. Ich habe entdeckt, dass die Kraniche fast immer in einer V-Form fliegen.

Glaubst du, dass dein Opa mit daran beteiligt ist, dass du dich für Vögel und für die Natur interessierst?

Lina: Ja, ich glaube ganz sicher, dass mein Opa damit etwas zu tun hat. Mit ihm waren wir schon so viel draußen und immer hat er irgendetwas Tolles und Spannendes, was er uns zeigen und erklären kann. Zum Beispiel waren wir im Herbst an einem Schlafplatz von Staren und haben ihnen lange zugeschaut, wie sie in großen schwarzen Wolken über uns geflogen sind. Toll war auch ein Tag mit ihm auf einer Reise bei Ansbach. Dort haben wir an der Altmühl auf riesigen Wiesen Brachvögel gehört und beobachtet.

Informationen zu den Kranichen am Lac du Der: