Milch tötet Tiere

Vor 40 Jahren gab eine Kuh am Tag etwa 8 Liter Milch – so viel, wie ein Kälbchen braucht, um heranzuwachsen. Moderne Turbo-Kühe bringen 30, 40 oder sogar 60 Liter Milch am Tag. Die dermaßen überzüchteten Tiere sind besonders krankheitsanfällig – ihr Leben endet mit nur vier bis fünf Jahren im Schlachthof. Sie sind zu Wegwerfkühen geworden. · Bild: Anton Havelaar - shutterstock.com


Vom Leid der Milchkühe und ihrer Kälbchen

Von Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«

Eine Kuh gibt nur Milch, wenn sie ein Kind bekommt. Wie bei einer Menschenfrau dauert die Schwangerschaft neun Monate. Damit die Kuh immer Milch gibt, wird sie jedes Jahr künstlich befruchtet. Das Kälbchen wird der Mutterkuh kurz nach der Geburt weggenommen. Weibliche Kälber werden meist zu Milchkühen aufgezogen. Die männlichen Kälber werden vier bis sechs Monate lang gemästet, bis sie - ihrem Alter nach noch Kinder - nach qualvollen Tiertransporten im Schlachthof enden.

Doch auch ihre Mütter, die sie nie kennen gelernt haben, werden nicht sehr alt: eine Milchkuh wird durchschnittlich im Alter von vier Jahren geschlachtet - völlig ausgelaugt von den Dauerschwangerschaften und der völlig unnatürlich hohen Milchproduktion. Zu diesem Zeitpunkt ist die Kuh oft nicht einmal ausgewachsen.


Pro Jahr werden Milchkühen in Deutschland 1,5 bis 3,3 Mal Antibiotika verabreicht. Der Grund: Wegen der Hochleistungszucht nehmen Erkrankungen des Euters, der Klauen und Fortpflanzungsorgane stark zu. · Bild: Presenza - Fotolia.com


Wegwerfkühe: mit 5 Jahren zum Schlachter

1951 gab eine Kuh durchschnittlich 2600 Liter Milch im Jahr. 1980 waren es bereits 4548 Liter und 1998 ganze 5750 Liter, also mehr als doppelt so viel wie vor 40 Jahren! Und heute? Heute gibt eine Hochleistungskuh um die 10.000 Liter Milch in einem Jahr. Nirgendwo sonst in der EU gibt es so viele Milchkühe wie in Deutschland: Es sind mehr als vier Millionen Tiere, die mehr als 30 Millionen Tonnen Milch pro Jahr »produzieren« - damit liegt Deutschland EU-weit auf Platz 1. Acht von zehn Milchkühen stehen in Ställen mit Güllehaltung, das bedeutet, sie stehen auf so genannten Spaltenböden. Sie leiden unter entzündeten Klauen und Gelenken. Die meisten Milchkühe werden in Bayern gehalten, hier steht die Hälfte der fast 1,2 Millionen Milchkühe sogar noch in Anbindeställen.

Die überzüchteten Tiere mit einer völlig unnatürlichen Milchleistung sind besonders krankheitsanfällig. Durch ihr riesiges Euter haben sie Schmerzen an Rücken, Hinterbeinen und Klauen. Hochleistungskühe bekommen nicht Heu und Gras, sondern spezielles Kraftfutter, das aber für den Kuhmagen nicht geeignet ist. Die Folge sind oft Magenerkrankungen. Die hohe Milchleistung macht sie auch anfälliger für Stoffwechselerkrankungen. Viele Milchkühe leiden an Mastritis, einer Entzündung des Euters. Ihre Milch enthält durch die enorme Belastung sowie Entzündungen oft viel mehr Eiterzellen. Weil eine hohe Keimbelastung den Milchpreis senken kann, kommen oft Antibiotika zum Einsatz. Mastritis gehört zu den häufigsten Gründen, aus denen Kühe vorzeitig getötet werden.

Früher war es durchaus normal, wenn eine Kuh 15 Jahre alt wurde. Heute kommen Kühe bereits mit nur vier bis fünf Jahren in den Schlachthof. Da eine Kuh erst nach zwei Aufzuchtjahren ein Kalb zur Welt bringt, geben Kühe heute im Durchschnitt gerade noch etwas mehr als zwei Jahre lang Milch! Sie sind zu Wegwerfkühen geworden.


Kühe sind mit 5 Jahren ausgewachsen und können 20 bis 25 Jahre alt werden. In der Milchindustrie kommen sie bereits mit 4 bis 5 Jahren in den Schlachthof. · Bild: Freiheit für Tiere


Auch die Kälbchen sind zum Abfallprodukt verkommen: Sie werden im Schnitt für 8,49 Euro verkauft und bis zur Schlachtreife gemästet - oft nach Transporten von über 19 Stunden. · Bild: Grigorenko - Fotolia.com


Die Kälbchen: ein Abfallprodukt

Weil jede der über vier Millionen Milchkühe jedes Jahr ein Kalb bekommen muss, damit sie Milch gibt, sind auch die Kälbchen zum Abfallprodukt verkommen: Anders als dafür gezüchtete Fleisch-Rassen setzen sie nicht viel Fett an, und es gibt so viele, dass sie regelrecht verramscht werden. Besonders wertlos sind weibliche Kälber, die nicht für den Bestands­erhalt in der Milchproduktion gebraucht werden.

Im Oktober 2019 war ein weibliches Kalb im Schnitt nur noch 8,49 Euro wert, teilte das Bundeslandwirtschaftsministerium auf Anfrage der Grünen mit. »Billiger als ein Kanarienvogel«, titelte das Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Manche Kälber kosten gerade mal noch einen Euro«, so die Schlagzeile in der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Die weiblichen Kälber, die für den Bestandserhalt in der Milchindustrie gebraucht werden, erleiden das gleiche Schicksal wie ihre Mütter - als Wegwerfkuh.

Die männlichen Kälber werden drei bis sechs Monate bis zur »Schlachtreife« gemästet. Doch auch bei männlichen Kälbern findet der gleiche Preisverfall statt: Der Wert für ein männliches Kalb lag im Oktober durchschnittlich bei unter 50 Euro, im Mai waren es noch 100 Euro. Die Bundesregierung begründet den Preiseinbruch mit einem Überangebot an Kälbern. Der Grund dafür: Männliche Kälbchen sowie überzählige weibliche Kälbchen werden im Alter von zwei bis sechs Wochen an spezialisierte Betriebe verkauft, die sie bis zur »Schlachtreife« mästen. Viele dieser Mastbetriebe befinden sich im Ausland, zum Beispiel in Spanien.

Dies führt dazu, dass wenige Wochen alte Kälbchen oft über 19 Stunden quer durch Europa in einem Tiertransporter unterwegs sind. Für die zwei bis sechs Wochen alten Kälbchen sind die Tiertransporte eine Qual: Sie leiden Durst, weil sie die Tränken für erwachsene Kühe nicht bedienen können, sie lecken an den Metallstangen, brüllen vor Durst, Angst und Stress. Eine Recherche der Süddeutschen Zeitung zeigte, dass die erlaubten Transportzeiten immer wieder überschritten werden.

Die Transportzahlen der Bundesregierung zeigen jetzt aber, dass der Export ins Stocken geraten ist. Immer mehr Veterinärämter erteilen keine Genehmigungen mehr für Langstrecketransporte in andere Länder.

Nach Recherchen der WELT AM SONNTAG werden in industriellen Milchbetrieben bis zu 200.000 Kälber jährlich kurz nach der Geburt mit illegalen Methoden entsorgt. Vor allem männliche Kälber werden als Abfallprodukt der Milchwirtschaft in den ersten drei Lebensmonaten getötet oder verenden. In Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern seien es »bis zu 16 Prozent der Jungtiere«, die entsorgt werden, so Frigga Wirths, Tierärztin an der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes. »Je größer die Betriebe, desto höher die Mortalität.«


Gleich nach der Geburt ihres Kälbchens beginnt die Mutterkuh, ihr Kalb trocken zu lecken, womit sie den Kreislauf und die Atmung anregt. Beim Lecken muht die Mutterkuh tief und verstärkt so die Bindung zu ihrem Kalb. Doch schon wenige Stunden nach der Geburt wird das Kälbchen der Mutterkuh weggenommen. Die Kuh ruft tagelang nach ihrem Kälbchen. · Bild: Rhian Mai Hubbart - shutterstock.com


Was bedeutet die frühe Trennung für Kuh und Kalb?

Gleich nach der Geburt ihres Kälbchens beginnt die Mutterkuh, ihr Kalb trocken zu lecken, womit sie den Kreislauf und die Atmung anregt. Beim Lecken muht die Mutterkuh tief und verstärkt so die Bindung zu ihrem Kalb. Doch schon wenige Stunden nach der Geburt wird das Kälbchen der Mutterkuh weggenommen. Die Kuh ruft tagelang nach ihrem Kälbchen.

Auch für das neugeborene Kalb ist die Trennung von der Mutter eine riesige Belastung: Eine Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien zeigte, dass Kälbchen ohne ihre Mütter unter chronischem Stress leiden (gemessen an der Herzfrequenz und am Kortisolspiegel). Während Kälber, die bei ihren Müttern aufwachsen, neugierig die Umgebung erkunden, reagieren mutterlos aufgezogene Kälber resigniert. Sie werden nicht sozialisiert und können später zum Beispiel die Signale anderer Kühe nicht richtig deuten.

Wie andere Säugetiere - wir kennen es von Katzen oder Hunden -, die ihren Müttern zu früh weggenommen werden, zeigen mutterlos aufgewachsene Kälbchen Verhaltens­störungen. Sie saugen an anderen Kälbern und oft saugen sie sogar als erwachsene Rinder noch an allem.

Quellen:
· Frühe Trennung von Kuh und Kalb hat Spätfolgen für den Nachwuchs. Veterinärmedizinische Universität Wien, 28.4.2015
· Kathrin Wagner, Daniel Seitner et al: Effects of mother versus artificial rearing during the first 12 weeks of life on challenge responses of dairy cows. Journal Applied Animal Behaviour Science, Volume 164, March 2015, Pages 1-11

Männliche Kälbchen sowie überzählige weibliche Kälbchen werden an spezialisierte Mastbetriebe verkauft, meist im Ausland, zum Beispiel in Spanien. Dies führt dazu, dass wenige Wochen alte Tiere oft über 19 Stunden quer durch Europa in einem Tiertransporter unterwegs sind. Weil sie in diesem Alter noch saugen, können sie die Tränken nicht bedienen und leiden neben Angst und Stress an furchtbarem Durst. · Bild: Photoagriculture - shutterstock.com


Milchproduktion steht in engem Zusammenhang


mit der Fleischindustrie

Vielen Vegetarier, die aus ethischen Gründen kein Fleischessen, ist nicht bewusst, dass die Milchproduktion im engen Zusammenhang mit der Fleischindustrie steht: Damit die Kühe Milch geben, müssen Jahr für Jahr mehr als vier Millionen Kälber geboren werden. Mehr als zwei Drittel davon landen in der Kälbermast, wo sie drei bis sechs Monate lang auf das Schlachtgewicht gemästet werden. Europaweit stammen zwei Drittel des Kalbfleisches von Milchviehrassen.

Der Profit wird maximiert, indem man jedem Kalb nur etwa einen Quadratmeter Fläche zur Verfügung stellt: Sie werden in enge Verschläge gesperrt, in denen sie sich kaum bewegen können. Statt der Muttermilch bekommen sie eine fette Brühe mit viel Salz. Durch die überhöhte Menge Salz müssen die Kälber in Ermangelung von Wasser mehr Milchaustausch-Brei zu sich nehmen und nehmen so schneller zu. Die unnatürliche Fütterung und die nicht artgerechte Haltung führen oft zu starken Durchfällen und zu einer hohen Sterblichkeitsrate.

Spätestens ab der neunten Woche werden die Kälber in Gruppen auf Vollspaltenböden gehalten, die durch Kot und Urin rutschig sind - ein Ausleben des natürlichen Spiel- und Bewegungstriebs ist extrem eingeschränkt bis unmöglich. Die Tiere werden künstlich anämisch gehalten, indem ihnen jegliche Aufnahme von Eisen vorenthalten wird, da sonst das Fleisch nicht hell bleibt. Auch Raufutter bekommen die Tiere aus diesem Grund nicht zu essen. So leiden sie an Blutarmut, Durchfall, Lungenentzündungen und Lähmungen. Sie stehen auf Spaltenböden über ihrem eigenen Kot in entsetzlichem Gestank mit schmerzenden und verformten Füßen.

Seit 2017 dürfen Kälber wieder mit Tierfett - sogar von Rindern! - im Milchaustauscher gefüttert werden. Wohin es führt, wenn man Kühe, die bekanntlich Pflanzenesser sind, mit Fleisch- und Knochenmehl, auch ihrer Artgenossen, füttert, zeigte der BSE-Skandal vor etwa 20 Jahren: Der »Rinderwahn«, eine tödliche Erkrankung des Gehirns, hatte nicht nur massenhafte Tötungen von mehr als 4 Millionen Rindern zur Folge. Es starben auch mindestens 177 Menschen, die sich durch Rindfleisch infiziert hatten, an einer neuen Form der Creutzfeldt-Jacob-Erkrankung. Die Angst vor der Seuche war so groß, dass selbst in Steakhäusern nur noch Pute bestellt wurde. In der Folge wurde die Fütterung von Rindern mit Tiermehl und Tierfett verboten. Das Tiermehl-Verbot wurde von der EU 2013 gelockert. Seit 2017 darf in Deutschland Fett aus genussfähigen Schlachtabfällen, auch von Rindern, wieder in den Milchaustauscher.


Tierbabys auf dem Teller

Kein Tier, welches für den Fleischkonsum geschlachtet wird, erreicht auch nur ein Sechstel seiner natürlichen Lebenserwartung. Fast alle werden getötet, noch bevor sie überhaupt ausgewachsen sind. Ein Rind hat eine natürliche Lebens­erwartung von 20 bis 30 Jahren.

Doch die Kälber der Milchkühe werden bereits im Alter von drei bis sechs Monaten geschlachtet - es handelt sich also um Tierbabys!

Eine Milchkuh kommt im Alter von vier bis fünf Jahren zum Schlachter. Zu diesem Zeitpunkt sind viele Kühe noch nicht einmal ausgewachsen. Verglichen mit dem Alter eines Menschen würde es sich um ein etwa 15-jähriges Mädchen handeln.

Viele Kühe kommen trächtig zum Schlachter - dies erhöht das Gewicht und damit den Schlachtpreis. Nach Schätzungen der Bundestierärztekammer sterben in deutschen Schlachthöfen jedes Jahr etwa 180.000 ungeborene Kälber im Mutterleib - sie ersticken langsam und qualvoll, während ihre Mütter am Schlachterhaken ausbluten.


Lässt die »Milchleistung« nach, ist die Kuh nicht mehr »rentabel«.


Mehr Verbraucherbewusstsein:


Veganer Lebensmittelmarkt wächst

Das wachsende Bewusstsein für die Tierquälerei in der Lebensmittelindustrie ermutigt immer mehr Menschen dazu, von tierischen zu pflanzlichen Produkten zu wechseln - und also auch Milch und Milchprodukte wegzulassen.

Eine Marktanalyse aus dem Jahr 2019, die im Handelsblatt veröffentlicht wurde, sieht das wachsende Bewusstsein für die Vorteile einer veganen Ernährung als Schlüsselfaktor für das weltweite Wachstum des veganen Lebensmittelmarktes.

Die EU-Studie »Megatrends im Agrar- und Lebensmittelsektor« geht davon aus, dass die Abkehr von Fleisch und Milchprodukten in den heute wohlhabenden Regionen der Welt anhalten wird. Vor dem Hintergrund einer kritisch bewerteten Tierhaltung, von Sorgen ums Klima und einer gesunden Ernährung steige in den wohlhabenden Ländern die Nachfrage nach Gemüse, Obst, Getreide und Eiweißersatzprodukten. Die Studie ist vom Agrarausschuss des Europäischen Parlaments Anfang November 2019 vorgestellt worden.

Immer mehr Konzerne wittern das große Geschäft mit veganen Lebensmitteln - vor allem in Deutschland. In kaum einem anderen Land ist der Anteil veganer Nahrungsmittel an den Produkteinführungen so hoch: In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl veganer Produkteinführungen in Deutschland mehr als verdreifacht. Waren 2013 noch vier Prozent aller neuen Lebensmittel als vegan ausgezeichnet, so waren es 2018 rund 13 Prozent.

Große Fleischanbieter von Rügenwalder bis Wiesenhof sowie Discounter wie Lidl mit dem ständig ausverkauften »Beyond Meat Burger« bauen das Geschäft mit veganen Lebensmitteln immer weiter aus. Der Geflügelfleisch-Konzern Wiesenhof bietet inzwischen die Kult-Bratwurst »Bruzzzler« und vegane Minischnitzel und Nuggets aus Reisflakes an, demnächst kommt »Mondarella«, ein veganer Mozzarella auf Mandelbasis, auf den Markt.


Längst setzen Lebensmittelkonzerne wie Nestlé, traditionelle Fleischkonzerne wie Rügenwalder und Wiesenhof sowie alle großen Supermarktketten auf den veganen Trend - nicht aus Tierliebe versteht sich, sondern weil dies die größten Umsatzsteigerungen verspricht. So sicherte sich der Geflügelfleisch-Konzern PHW (Wiesenhof) die Vertriebsrechte für den veganen Mozzarella »Mondarella« eines italienischen Start-ups. · Bild: www.mondarella.eu


Viele Veganer bevorzugen Firmen, die von Anfang an aus ethischer Überzeugung auf vegan gesetzt haben, wie Käse-Alternativen von »Happy Cheeze«, »Simply«, »Wilmersburger«, »Soyana« oder »No Muh« aus der Schweiz. Viele dieser veganen Käse und Milch-Alternativen sind längst auch bei großen Supermarktketten wie Edeka, Rewe, Aldi im Sortiment, zum Teil sogar als Eigenmarken wie vegane Reis-, Soja und Haferdrinks von Edeka in Bio-Qualität, selbst Penny führt inzwischen Sojamilch und vegane Aufstriche als Eigenmarke.


Die Firma Vegusto aus der Schweiz bietet »No Muh«-Käse als Hartkäse sowie veganen Raclette- und Fondue-Käse an - seit 1997 aus echter ethischer Überzeugung und Tierliebe. · Bild: www.vegausto.ch


Die Freiburger Molkerei Schwarzwaldmilch nimmt ab Frühjahr 2020 vegane Hafer-Drinks in ihr Sortiment auf. Der Trend zu veganen Produkten sei »unumkehrbar«, so Geschäftsführer Andreas Schneider. Trends, so Schneider, könne man nicht ignorieren. »Und wenn man hinten auf den Zug aufspringen muss, tut es weh.« Für die »Velike!«-Hafer-Drinks setzt die Molkerei auf ihr Erfolgskonzept aus der Milchproduktion: Der Hafer wird ganz ausschließlich in Bioqualität in den Naturparks im Schwarzwald angebaut - die Milchbauern werden jetzt zu Haferlieferanten.


Die Molkerei Schwarzwaldmilch nimmt vegane Hafer-Drinks in ihr Sortiment auf - Milchbauern werden jetzt Haferlieferanten. · Bild: black-forest-nature.de


Denn: Der Trend zu veganen Produkten sei »unumkehrbar«, so Schwarzwaldmilch-Geschäftsführer Andreas Schneider. · Bild: black-forest-nature.de


Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie müssen


umdenken:


"Fleisch und Milch werden zum Auslaufmodell"

»Kalifornische Denkfabrik: Fleisch und Milch werden zum Auslaufmodell«, titelt die Agrarzeitung am 18.9.2019. Wohl gemerkt: Die Agrarzeitung! »Bis 2030 wird die Lebensmittelproduktion einen radikalen Wandel erleben«, ist in dem Artikel zu lesen. Demnach erwartet der kalifornische Think Tank RethinkX, dass in den kommenden zehn Jahren auf pflanzlicher und mikrobiologischer Basis erzeugte Lebensmittel riesige Marktanteile gewinnen werden - und die klassische Fleisch- und Milchproduktion mit ebenso großen Einbußen rechnen müsse. In den USA werde sich deshalb die Zahl der Rinder halbieren, ist weiter in der Agrarzeitung zu lesen.

Wörtlich schreiben die Zukunftsforscher in ihrem Bericht »Major disruption in food and agriculture in next decade« (»Grundlegende Umbrüche in der Ernährungs- und Landwirtschaft in den kommenden zehn Jahren«): »Bis 2030 werden moderne Lebensmittel qualitativ hochwertiger sein und weniger als die Hälfte des Preises der von ihnen ersetzten tierischen Lebensmittel kosten, die Milch- und Rinderindustrie wird zusammenbrechen und der Rest der Viehwirtschaft wird folgen.« Bis 2035 werde in den USA die Nachfrage nach Rindfleisch und Milchprodukten sogar um fast 90 Prozent sinken, so dass nur lokale Spezialfarmen in Betrieb bleiben.

Bis 2030 werde die Hälfte der 1,2 Millionen Arbeitsplätze in der US-amerikanischen Rindfleisch- und Milchproduktion (einschließlich der Lieferkette) verloren gehen, bis 2035 sogar 90 Prozent der Arbeitsplätze. Gleichzeitig würden in der aufstrebenden modernen Lebensmittelindustrie bis 2030 mindestens 700.000 neue Arbeitsplätze und bis 2035 bis zu 1 Million Arbeitsplätze entstehen.

Was ist der Grund für diese Entwicklung? Der Bericht der Zukunftsforscher erklärt es so: Die industrielle Viehwirtschaft ist eines der ineffizientesten Lebensmittelproduktionssysteme der Welt. »Moderne Lebensmittel sind weitaus effizienter als Produkte tierischen Ursprungs: bis zu 100-mal effizienter was die Landnutzung betrifft, 10-25-mal effizienter im Rohstoff­verbrauch, 20-mal effizienter in der Herstellungszeit und 10-mal effizienter im Wasserverbrauch.«

Vor allem würden die Treibhausgasemissionen massiv gesenkt: »Die US-amerikanischen Treibhausgasemissionen aus der Rinderhaltung werden bis 2030 um 60 Prozent und bis 2035 um fast 80 Prozent sinken. Selbst wenn die moderne Nahrungsmittelproduktion, die die tierische Landwirtschaft ersetzt, einbezogen wird, werden die Nettoemissionen des gesamten Sektors bis 2030 um 45 Prozent sinken bis 2035 bis zu 65 Prozent.

Hinzu kommt: »Ernährungsbedingte Vorteile könnten sich tiefgreifend auf die Gesundheit auswirken, sowohl bei der Reduzierung lebensmittelbedingter Erkrankungen als auch bei Krankheiten wie Herzerkrankungen, Fettleibigkeit, Krebs und Diabetes, die Schätzungen zufolge jährlich 1,7 Billionen US-Dollar kosten«, heißt es wörtlich im Bericht der Zukunftsforscher.


Der Beyond Meat-Burger: Er besteht aus Erbsenprotein und pflanzlichen Ölen und ist von Rindfleisch-Burgern nicht zu unterscheiden – ohne dass dafür auch nur ein Rind sterben muss. Die veganen Burger von Beyond Meat haben auch in Deutschland einen riesigen Hype ausgelöst. Als der Discounter Lidl Beyond Meat im Sommer 2019 ins Sortiment aufnahm, waren die Burger-Pattys ständig ausverkaut – sehr zum Ärger vieler Kunden. · Bild: www.beyondmeat.com


"Was Tesla für die Autobranche ist, sind vegane


Lebensmittel für die Nahrungsmittelindustrie"

Auch aus der Sicht des Wirtschaftsethikers Prof. Dr. Nick Lin-Hi von der Universität Vechta stehen Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie vor einem Paradigmenwechsel: Vegane Lebensmittel werden in den nächsten Jahren keine Nischenprodukte mehr sein, sondern Milch, Fleisch und Eiern ernsthaft Konkurrenz machen. Landwirte müssten sich darauf einstellen, so der Forscher. Noch hätten sie Zeit, Initiative zu ergreifen. Was Tesla für die Autobranche ist, seien vegane Lebensmittel für die Nahrungsmittelindustrie.

»Wir haben einen `grünen Rutsch´ in der Gesellschaft, die Menschen fangen an, anders einzukaufen«, so der Forscher im Hamburger Abendblatt. »Und die Klimadebatte wird auch bei der Kaufentscheidung im Supermarkt eine Rolle spielen, immerhin steht die Nahrungsmittelindustrie für ungefähr ein Drittel der menschengemachten Klimaemissionen.«

Die Landwirtschaft müsse radikal umdenken: »Wir haben noch ein Zeitfenster, in dem die Branche am Wandel mitwirken kann. Aber die industrielle Landwirtschaft wird schrumpfen, davon bin ich überzeugt. Wachstum wird es dort nicht mehr geben«, so Prof. Dr. Nick Lin-Hi.


Die Graphik zeigt: Ein US-Bürger, der sich mit Milchprodukten, Fisch und Fleisch ernährt (Standardernährung), verbraucht pro Jahr mehr als 2.000 kg Co²-Equivalente. Wer davon nur die Milchprodukte weglässt, spart jedes Jahr ca. 800 Co²-Equivalente! Wer sich vegan ernährt, verbraucht nur 12 % oder ein Achtel der Treibhaus-Emissionen im Vergleich zur Standardernährung mit Milchprodukten, Fisch und Fleisch. · Graphik-Quelle: How much would giving up meat help the environment? Going vegan for two-thirds of meals could cut food-related carbon emissions by 60%. The Economist, 15.11.2019


Verzicht auf Milch: Aktiver Klimaschutz

Bei der Produktion von einem Kilo Käse entstehen über acht Kilogramm Treibhausgase. Die Milchproduktion hat einen nicht unerheblichen Anteil an klimaschädlichen Emissionen. Die Massentierhaltung und die Verarbeitung von Tierprodukten verursachen laut einer Studie des Worldwatch Institute etwa die Hälfte der menschenverursachten Treibhausgase (World Watch Magazine, November/Dezember 2009).

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat in einer Studie ermittelt, dass eine Ernährung ohne Fleisch und Milchprodukte mehr als 7 Mal klimafreundlicher ist - eine rein pflanzliche Ernährung aus biologischer Erzeugung ist sogar mehr als 16 Mal klimafreundlicher!

Die britische Wochenzeitung The Economist errechnete auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien: Wenn zwei Drittel der Mahlzeiten vegan zubereitet werden, kann dies die lebensmittel­bedingten Treibhaus-Emissionen um 60 % senken. Die Graphik zeigt: Ein US-Bürger, der sich mit Milchprodukten, Fisch und Fleisch ernährt (Standardernährung), verbraucht pro Jahr mehr als 2.000 kg Co²-Equivalente. Wer davon nur die Milchprodukte weglässt, spart jedes Jahr ca. 800 Co²-Equivalente!

Wer sich vegan ernährt, verbraucht nur 12 % oder ein Achtel der Treibhaus-Emissionen im Vergleich zur Standardernährung mit Milchprodukten, Fisch und Fleisch.


Kuhmilch ist für Kälbchen gedacht! Bild: Wollertz - shutterstock.com


Quellen:
· »Billiger als ein Kanarienvogel«: Ein Kalb kostet nur noch 8,49 Euro.Redaktionsnetzwerk Deutschland, 9.11.2019
· Kälber für einen Euro - Preise stark eingebrochen. Neue Osnabrücker Zeitung, 9.11.2019
· 200.000 männliche Kälber werden jährlich illegal getötet. WELT, 24.11.2019
· Tiertransporte: Durst, Panik, Quälerei. Süddeutsche Zeitung, 16.9.2019
· Masse statt Klasse in deutschen Ställen. Süddeutsche Zeitung, 7.12.2019
· Die überzähligen Kälber - ein Tierschutzproblem der Milcherzeugung.
provieh.de/die-ueberzaehligen-kaelber-ein-tierschutzproblem-der-milcherzeugung
· Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Bärbel Höhn, Friedrich Ostendorff, Nicole Maisch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 18/1391 – Schlachtung tragender Kühe, 26.4.2014
· Forscher sieht vegane Wende: Bauern müssen reagieren. Hamburger Abendblatt, 9.11.2019
· Kalifornische Denkfabrik: Fleisch und Milch werden zum Auslaufmodell. Agrarzeitung, 18.9.2019
· Major disruption in food and agriculture in next decade. RethinkX, 16.9.2019.
· Global Vegan Food Market Insights, Forecast to 2025. MarketResearchNest, 27.6.2019
· Immer mehr Konzerne wittern das große Geschäft mit veganen Lebensmitteln. Handelsblatt, 26.3.2019
· Schwarzwaldmilch folgt Vegan-Trend. Schwarzwälder Bote, 17.11.2019
· »Megatrends im Agrarsektor«. Agrarisches Informationszentrum, 8.11.2019
· How much would giving up meat help the environment? Going vegan for two-thirds of meals could cut food-related carbon emissions by 60%. The Economist, 15.11.2019


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