Freiheit für Tiere
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Das Paradies der Bonobos

Bild: Sunfilm Entertainment

Reservat für die vom Aussterben bedrohten Menschenaffen

Die Bonobos sind eine vom Aussterben bedrohte Art der Menschenaffen. Sie leben ausschließlich in den letzten Wäldern des Kongos. Mittlerweile sind 70 Prozent des Urwalds im Kongo vernichtet, Schätzungen zufolge gibt es nur noch zwischen 5.000 und 50.000 Bonobos. Neben dem Verlust des Lebensraums sind Bonobos durch die Jagd bedroht, einerseits für »Bushmeat«, anderseits für den Affenhandel.
Zum Schutz der gefährdeten Menschenaffen hat die Regierung der Demokratischen Republik Kongo 2006 ein großes Regenwaldgebiet unter Naturschutz gestellt, das Lamoko-Yokokala-Reservat in der Provinz Équateur. 2002 wurde auf Initiative der Tierschützerin Claudine André die Bonobos-Auffangstation Lola ya Bonobo mit Waisenhaus und Reservat gegründet.

»Make love, not war«

Bonobos sind wie die Schimpansen so nah mit uns Menschen verwandt wie keine andere Tierart: Ihr Erbgut ist zu 99,4 Prozent identisch mit unserem. Während Schimpansen ständig miteinander im Krieg liegen, ihre Auseinandersetzungen oft sehr gewalttätig werden und sie sich manchmal sogar gegenseitig töten, gelten die Bonobos als ausgesprochen friedliebend. Ihr Zusammenleben könnte unter der Überschrift »Make love, not war« stehen. Im Unterschied zu den Schimpansen dominieren bei den Bonobos nicht die Männchen, sondern die Weibchen. Bonobos leben in Gruppen aus mehreren Männchen und Weibchen. Die Jungen werden gemeinsam aufgezogen. Der Körperbau der Bonobos ist zartgliedriger als der der Schimpansen. Sie haben rosafarbene Lippen und schwarze Gesichter, die von langem schwarzen Haar mit Mittelscheitel umrahmt sind. Stillende Bonobomütter entwickeln Brüs­te, die aussehen wie die menschlicher Mütter. Bonobos haben wie wir Menschen einen aufrechten Gang. Sie verwenden Werkzeuge wie Hammer und Amboss und nutzen Pflanzen als Medizin.

Wie die Belgierin Claudine André zur »Mutter der Bonobos« wurde

Die belgische Tierschützerin Claudine André wuchs im Kongo auf, in noch nahezu unberührter Natur. »Meine erste Schule war der Wald«, erzählt sie in ihrer Autobiographie Wilde Zärtlichkeit: Mein Paradies für Bonobos im Herzen Afrikas. »In den Kongo kam ich mit meinem Vater, der Tierarzt war. Er begrüßte diese Reise als eine Gelegenheit für mich, die Harmonie mit der Natur zu entdecken, das Gleichgewicht zwischen Erde, Mensch und Tier.«

Später heiratete sie, war Kunsthändlerin und Geschäftsführerin einer Nobelboutique und erzog ihre fünf Kinder, während im
Kongo ein mörderischer Bürgerkrieg tobte.
1993 änderte die Begegnung mit einem Bonobo-Baby das Leben von Claudine André für immer: Im Zoo von Kinshasa, wo sie zu dieser Zeit ehrenamtlich arbeitete, traf sie den Bonobo-Waisen
Mikeno. Seine Überlebenschancen waren äußerst gering. Claudine entschloss sich, Mikeno zu retten. Weitere Bonobos folgten. Seither setzt sich Claudine für die Rettung der vom Aussterben bedrohten Bonobos ein.

Mit ihrer Tierschutzorganisation Les Amis des Bonobos du
Congo gründete Claudine André 2002 in der Nähe von Kinshasa ein Waisenhaus mit einem Reservat für Bonobo-Kinder, deren Eltern von Jägern ermordet wurden. Im Lola Ya Bonobo (»Paradies der Bonobos«) betreuen heute über zwanzig Mitarbeiter, darunter einheimische und internationale Biologen, Ökologen und Tierpfleger, inzwischen über 100 gerettete Bonobos in einem Reservat mit fast 25 Hektar umzäunten Waldes.

Bild: Sunfilm Entertainment


Rettung von Bonobos-Waisenkindern

Immer noch wird Jagd auf die letzten Bonobos gemacht: Während erwachsene Bonobos als »Bushmeat« enden, wird mit Bonobos-Babys nach wie vor ein schwunghafter Handel betrieben – obwohl dies illegal ist. Ein Bonobo-Baby kann auf dem Schwarzmarkt bis zu 60.000 Dollar einbringen: Sie werden nach Europa, in die USA und den Nahen und Mittleren Osten verkauft.
Wenn ein gefangenes Bonobo-Baby aufgefunden wird, fordern Tierschützer die Inspektoren des Umweltministeriums auf, dieses zu beschlagnahmen, entsprechend dem Gesetz zur Beschlagnahmung seltener Tierarten der Demokratischen Republik Kongo und der Internationalen Konvention über den Handel mit gefährdeten Arten (CITES) . Der kleine Bonobo wird ins Waisenhaus von Lola Ya Bonobo gebracht, der bislang einzigen Auffangstation für die bedrohten Menschenaffen.

Der Zustand der kleinen Bonobos ist bei ihrer Ankunft oft kritisch. Darum wird in der Auffangstation sofort mit einer medizinischen Untersuchung begonnen. »Bonobos sind äußerst empfindlich, und ihr Überleben kann nur durch konsequente und sofortige Behandlung ihrer Krankheiten gesichert werden«, berichten die Tierschützer von Lola Ya Bonobo. Wird der kleine Bonobo aus der Krankenstation entlassen, kommt er zu einer menschlichen Pflegemutter, die sich oft mehrere Jahre liebevoll und intensiv um das Bonobo-Kind kümmert. Denn in freier Natur ist ein kleiner Bonobo bis zu seiner Entwöhnung im Alter von vier Jahren immer bei seiner Mutter. Übrigens beginnen Bonobos erst im Alter von 13 bis 15 Jahren mit der Fortpflanzung.

Wenn die geretteten Bonobowaisen selbstständig werden, können sie im Reservat, das aus 25 Hektar umzäunten Waldes besteht, ein nahezu natürliches Leben führen.

Die Ernährung der Bonobos

Auf ihrer Internetseite berichten Les Amis des Bonobos du
Congo über die Ernährung der Bonobos im Reservat: »Ein Bonobo isst über 6,5 Kilo Obst und Gemüse am Tag. Obwohl der Speiseplan natürlich jahreszeitlich bedingt wechselt, sieht das tägliche Menu eines Bonobo etwa so aus:
1 kg Zuckerrohr
10 Bananen
1 kleine Flasche Sojamilch
2 kg Gemüse (Kohl, Süßkartoffelblätter, Gurken, Mais etc.)
1,1 kg Papaya
1 kg anderes saisonales Obst
200 g Erdnüsse
Außerdem bekommen die Bonobos jeden zweiten Tag ein gekochtes Ei, jeden dritten Tag etwas Jogurt. Die Babys bekommen eine besondere Kost, die vor allem aus Milch und Obst besteht. Auch schwangere Bonobomütter oder Kranke bekommen Extrarationen, meistens Avocados, Zwiebeln, Bananen, aber auch Milch für die Kleinen.« Die Lebensmittel für einen Bonobo kosten allein 100 Dollar im Monat.

Zurück in die Freiheit


Trotz seiner Größe von fast 25 Hektar umzäunten Waldes kann Lola ya Bonobo keine unbegrenzte Zahl neuer Bonobowaisen aufnehmen. Daher wurden erste Gruppen von Bonobos für die Auswilderung vorbereitet: Die Tierschützer versuchten, ihnen alles beizubringen, was sie für ein Leben in Freiheit brauchen. Die Auswilderung der Bonobos ist außerdem eine wichtige Chance zur Erhaltung der genetischen Vielfalt und zur Neuansiedlung von Bonobos in Gebieten, in denen früher vorhandene Populationen verschwunden sind.

Seit 2009 werden die ersten Bonobo-Gruppen in einem Regenwald-Schutzgebiet in der Provinz mit Unterstützung der lokalen Stammes- und Dorfgemeinschaften erfolgreich ausgewildert.

Les Amis des Bonobos du Congo haben sich zur Aufgabe gemacht, die Bevölkerung davon zu überzeugen, wie selten, wie gefährdet und wie wunderbar Bonobos sind, damit sich immer mehr Menschen für ihren Schutz einsetzen und die bedrohten Affen nicht mehr als Bushmeat (Bonobofleisch) enden. Claudine André ist überzeugt: »Der Schlüssel zum Schutz der Bonobos liegt in Bildung.« Jedes Jahr werden mehr als 20.000 kongolesische Kinder durch die Bonobo-Schutzstation geführt. »Wir klären sie über die Affen auf, wie nahe sie mit uns verwandt sind und wie sie leben.«


Autobiographie von Claudine André:
Wilde Zärtlichkeit: Mein Paradies für Bonobos im Herzen Afrikas Kosmos-Verlag, 2007
ISBN-13: 978-3440110072

Bild: Sunfilm Entertainment

DVD-Tipp:

Benny - Allein im Wald

Benny, ein kleiner Bonobo-Affe, wird mitten im Dschungel des Kongo geboren. Unter den wachsamen Augen ihrer Mütter erkunden die Bonobokinder ihre Regenwald-Heimat: Sie lernen klettern, auf Lianen zu schwingen, spielen Fangen und machen Bekanntschaft mit anderen Dschungel-Bewohnern.

Doch da droht große Gefahr: Eine Gruppe von Jägern und Tierhändlern schlägt sich durch den Dschungel. Die Menschenaffen schlagen Alarm und flüchten in die höchsten Wipfel der Bäume. Doch skrupellose Jäger erschießen Bennys Mutter und reißen das Bonobo-Baby aus ihren Armen. Der kleine Menschenaffe gerät in Gefangenschaft und leidet unter Einsamkeit und schlechter Behandlung.

Zum Glück wird Benny von der Tierschützerin Claudine André, der »Mutter der Bonobos«, gerettet. Claudine bringt Benny zusammen mit seinem Freund Api und anderen Bonobo-
Waisenkindern in ein schützendes Reservat. Hier werden die kleinen Bonobos von menschlichen Ziehmüttern liebevoll betreut und gepflegt, so dass sie nicht nur behütet groß werden können, sondern auch Vertrauen und Zuversicht gewinnen.

Weil das Bonobos-Reservat aus allen Nähten platzt und immer wieder weitere Waisenkinder gerettet und aus der Gefangenschaft befreit werden, plant Claudine, einige der vom Aussterben bedrohten Menschenaffen im Dschungel des Kongo auszuwildern. So gilt es nun, Benny und einige seiner Freunde für das Leben in Freiheit vorzubereiten, bis sie eines Tages wieder zurück in den Dschungel kehren können...

Die Abenteuer-Dokumentation »Benny - Allein im Wald« (SUNFILM Entertainment) war Publikumsliebling beim Filmfestival Cannes 2010 und wurde mit dem Prädikat »Wertvoll« von der Deutschen Film- und Medienbewertung ausgezeichnet.

Der Kinofilm ist im Mai 2012 als DVD erschienen.
Spieldauer: 85 Minuten · freigegeben ab 6 Jahren
Preis: ca. 12,90 Euro

Interview: Claudine André, "Mutter der Bonobos"

Bild: Sunfilm Entertainment

Anlässlich der DVD-Veröffentlichung von »Benny - Allein im Wald« sprach die Tierrechtsorganisation PETA mit Claudine André über ihre hingebungsvolle Arbeit für die letzten Bonobos im Kongo.

Frau André, warum haben Sie die Bonobos zu Ihrem Lebensmittelpunkt gemacht?

Claudine André: Ich lebe schon von klein auf in Afrika, immer in der Nähe des Waldes und der Natur. In den 1990er Jahren wütete ein Bürgerkrieg im Kongo, und zu der Zeit begann ich, den Tieren im Zoo von Kinshasa zu helfen, die dort unter schlimmen Bedingungen leben mussten. Einmal gab jemand ein Bonobo-Baby im Zoo ab und der Zoodirektor sagte, in Gefangenschaft würde es bald sterben. Ich habe mich um das Kleine gekümmert, und es überlebte. Danach kamen weitere Bonobos hinzu, und ich habe mich bei der Regierung dafür eingesetzt, dass Bonobos auf Märkten und bei Privatleuten beschlagnahmt und in meine Rettungsstation gebracht werden. Ein Schwerpunkt liegt heute darauf, die Kinder und Jugendlichen für das Wohlergehen der Menschenaffen zu sensibilisieren. Derzeit besuchen jedes Jahr über 30.000 Schüler und Jugendliche die Bonobo-Auffangstation.

Wie funktioniert die Auswilderung von Bonobos?

Claudine André: Vor etwa drei Jahren begann ich, geeignete Waldgebiete für eine Auswilderung der Bonobos ausfindig zu machen. Da Bonobos sehr unterschiedliche Charaktere haben, muss sorgfältig darauf geachtet werden, ob er oder sie bereit ist für eine Auswilderung in die Natur. Die erste Gruppe, die ausgewildert wurde, hatte eine Sozialstruktur wie ihre freilebenden Artgenossen mit Müttern, Kindern und männlichen Bonobos. Nun, nach zwei Jahren, ist diese Gruppe wieder eine selbstständige und wildlebende Bonobo-Gruppe. Die Wiedereinführung von Menschenaffen in die Natur ist ein komplexer, langwieriger Prozess, und wir haben dabei zahlreiche Vorschriften zu befolgen, welche die Weltnaturschutzunion (IUCN) aufgestellt hat.

Warum haben Sie eine Abenteuer-Dokumentation über den
jungen Bonobo-Waisen Benny gedreht?


Claudine André: Benny hat uns immer wieder mit seiner Intelligenz und seinem Einfallsreichtum verblüfft. Sein Schicksal ist stellvertretend für das der meisten Bonobos, die bei uns aufgenommen werden.