Freiheit für Tiere
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Von einer, die raus zog

Hilal und die Schafe

Früher war Hilal Sezgin eine richtige Städterin und Stubenhockerin: Sie hatte einen Bürojob, traf sich mit Kollegen und Freunden in Cafés und am Wochenende schlief sie gerne aus. Heute arbeitet sie zwar immer noch am Schreibtisch, aber der steht in einem Bauernhaus irgendwo in der Lüneburger Heide, wo sie mit ihren Schafen, Ziegen, Gänsen, Hühnern, Katzen und den Dorfbewohnern lebt.

In ihrem Buch »Landleben - Von einer, die raus zog« nimmt Hilal den Leser mit auf ihre ganz persönliche Reise ins Glück. Sie erzählt von der Suche nach dem perfekten Bauernhaus, bis sie endlich das rote Backsteinhaus mit großem Giebelfenster und verwildertem Garten am Waldrand findet. Die ältere Tochter des Besitzers hält auf der angrenzenden Weide ungefähr ein Dutzend Schafe, die von einer weißen Ziege namens Lilly angeführt werden.

Der Mietvertrag mit Vermieter Christian, einem Bio-Landwirt, erfolgt per Handschlag, und an einem sonnigen Frühjahrstag zieht Hilal mit ihren drei Stadtkatzen ein. Kurz darauf muss sie Lilly, die Ziege retten, die sich beim Versuch, in den Garten einzubrechen, in einem Kunststoffnetz verfangen hatte. Lilly fasst Vertrauen und stiftet von nun an die Schafherde an, über den Zaun zu springen und den Garten zu plündern. Hilal lernt, Zäune zu bauen.

An einem Samstag kurz nach dem Einzug kommt die Tochter des Vermieters vorbei und erzählt, dass Schaf Erna Zwillinge bekommen hat. Und so betritt Hilal zum ersten Mal den Schafstall: Das Mutterschaft steht dort mit einem braunen Lämmchen, der Zwilling liegt tot im Stall. Gemeinsam begraben sie das Schaf.

Bald stellt Hilal fest, dass etwa die Hälfte der Schafe hinkt: aufgrund der feuchten Wiesen leiden sie unter Moderhinke. Sie kauft ein Buch über Schafe und fährt beim Tierarzt vorbei, der zwar nicht zu Hause ist, dessen Frau Jeanette sich jedoch als Schaf-Expertin herausstellt und seither bei allen Schafproblemen angerufen wird. Schließlich kommt der Tierarzt, und die Moderhinke wird behandelt. »Zuvor, als ich die Schafe hatte vom Stall auf die Weide und zurück hinken sehen, war mir klar geworden, dass ich diesen Anblick auf Dauer nicht ertragen würde«, schreibt Hilal Sezgin. Sie hatte die Folgen nicht bedacht, als sie in die Nähe so vieler Tiere zog. Doch zwei Monate nach ihrem Umzug sind die Schafe gesund - und Hilal hatte gelernt, Schafe einzufangen und Spritzen zu geben.

Dem Verzicht auf gewohnte Bequemlichkeiten steht eine neue Form von Selbstbestimmung gegenüber. Aus dem »Leben ohne« ist vor allem ein »Leben mit« geworden: »Ein Leben mit weitem Blick aus allen Fenstern, ein Leben mit den Jahreszeiten, ein Leben mit Tieren, ein Leben mit Schnee im Winter, Kuckucksrufen im Frühjahr, Faulenzen im eigenen Garten im Sommer und Pilzsammel- und Einkochorgien im Herbst.« Hilal erlebt unter den Dorfbewohnern große Hilfsbereitschaft und eine ganz neue Form von Gemeinschaft: Zusammen Ställe bauen oder Zäune reparieren verbindet auf andere Art als Großstadtbekanntschaften.

Seit ihrem 14. Lebensjahr ist Hilal Vegetarierin. Versuche, vegan zu leben, gab sie immer wieder auf, weil sie den Verzicht als zu groß empfand und ihre Kochkünste über Käsetoast und Tiefkühlpizza nicht hinaus gingen. Ihr Umzug aufs Land konfrontiert sie unmittelbar mit der industriellen Massentierhaltung und dem Leiden der Tiere: Die ehemalige Städterin muss feststellen, was es wirklich bedeutet, wenn die Milchkühe nicht auf der Weide stehen, sondern ihr kurzes Leben in riesigen Massenställen fristen, wenn Kuhmüttern die kleinen Kälbchen gleich nach der Geburt weggenommen werden, weil die Milch für die Menschen bestimmt ist. Bei der Besichtigung einer Bio-Hühnerfarm wird sie Zeuge, wie eine ganze Halle Hühner geräumt wird und ein paar völlig verängstigte federlose Tiere zitternd übrig bleiben. Hilal nimmt diese Hühner, die dem Suppenhuhn-Schicksal entkommen sind, bei sich auf. Sie erlebt, wie sie zum ersten Mal im Sonnenlicht in der Erde scharren - und die Federn wieder wachsen.

Und so wird für Hilal klar, dass für sie Milchprodukte und Eier nicht mehr vertretbar sind: »Heute würde kein Arzt mehr sagen, dass Vegetarismus ungesund ist, im Gegenteil. Geschichten über darbende Veganer kursieren allerdings immer noch. Doch ich hatte die unwürdigen Bilder der Bio-Legehennen, der „glücklichen“ Schweine und der vereinzelt in Plastikboxen stehenden Kälber zu deutlich vor Augen. Jedes Mal, wenn mir der neue Landwirtschaftskatalog zuging, bewies mir der Anblick der diversen Gerätschaften, dass der Mensch seinen Mitgeschöpfen praktisch alles zumutet, was Profit verspricht.« Hilal startet einen neuen Versuch, vegan zu leben. Diesmal beginnt sie nicht mit dem Weglassen, sondern mit dem Dazu-Gewinnen: Sie lernt, vegane Gerichte zu kochen, die sie in Restaurants oder bei Freunden schon immer gemocht hat, zum Beispiel aus der indischen oder thailändischen Küche. Sie macht sich leckere Avocadocreme oder englische Baked Beans zum Frühstück. Sie bestellt eine riesen Kiste veganer Produkte und probiert sich durch. Sie ersetzt Milch und Sahne durch Sojaprodukte und findet sogar Soja-Eis, das ihr schmeckt. Statt fantasielos mit Käse zu überbacken, würzt Hilal mit Kräutern und Gewürzen, variiert Gerichte mit Nüssen und kombiniert Gemüse neu. »Es ging mir nicht darum, mich in Selbstdisziplin zu üben, sondern vor allem um eine Form des Konsumboykotts. Die meisten Argumente, die gegen das Fleischessen sprechen, sprechen ja tatsächlich auch gegen den Konsum tierischer Produkte überhaupt.«

Das Buch »Landleben - Von einer, die raus zog« ist unterhaltsam und fesselnd geschrieben - es liest sich auch im Liegestuhl locker und flockig runter. Gerade weil sie so mitten aus dem Leben gegriffen sind, regen Hilal Sezgins Erzählungen vom Landleben zum Nachdenken an, ohne jemals einen erhobenen Zeigefinder zu gebrauchen.


Die Autorin

Hilal Sezgin, geboren 1970, studierte Philosophie in Frankfurt am Main und arbeitete danach mehrere Jahre im Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Obwohl sie ein richtiger Stadtmensch war, wagte sie das Abenteuer, aufs Land zu ziehen.
Seit sechs Jahren lebt sie in der Lüneburger Heide und hat sich dort einen kleinen Lebenshof mit Schafen, Ziegen und Hühnern aufgebaut. Sie arbeitet als freie Schriftstellerin und Journalistin und schreibt u.a. für DIE ZEIT, als Kolumnistin für die taz sowie das Feuilleton der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung. Die Vegetarierin (inzwischen lebt Hilal vegan) hat den Mut, Artikel und Kolumnen zu Tierschutz- und Tierrechtsthemen sowie die Auswirkungen des Fleischkonsums zu schreiben.

Das Buch

In ihrem neuesten Buch »Landleben. Von einer die raus zog« beschreibt Hilal Sezgin, wie sie beschloss, aufs Land zu ziehen und wie sie zu ihrem Lebenshof kam. Das Buch, das 2011 als gebundene Ausgabe bei DUMONT erschien und jetzt auch als Taschenbuch erhältlich ist, steckt voller lustiger (und manchmal auch trauriger) Geschichten über ihre Tiere sowie über die Freuden (und manchmal auch Leiden) des »Rausziehens«.

Hilal Sezgin: Landleben. Von einer, die raus zog.
Taschenbuch, 270 Seiten
DuMont, Köln 2012
ISBN 978-3-8321-6190-3
Preis: 9,99 Euro

Interview mit Hilal Sezgin

»Vegetarismus ist inzwischen normal«

Die Schriftstellerin und Journalistin Hilal Sezgin (im Bild mit Schafbock Jacob) berichtet im »Freiheit für Tiere«-Interview, warum sie im Alter von 14 Jahren Vegetarierin wurde, warum sie inzwischen vegan lebt - und warum inzwischen in der öffentlichen Wahrnehmung Vegetarismus »normaler« scheint als die industrialisierten Praktiken der Fleischproduktion.

Das Interview mit Hilal Sezgin führte Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«

Freiheit für Tiere: Sie sind seit Ihrer Jugend Vegetarierin. Gab es dafür einen bestimmten Auslöser oder ein Schlüsselerlebnis?

Hilal Sezgin: Meine Familie war immer sehr tierlieb, und so bin ich aufgewachsen. Es gibt ja meistens einschneidende Erlebnisse oder Wendepunkte: Ich war etwa 14 Jahre alt und hatte den ganzen Nachmittag draußen Kühe gezeichnet. Auf dem Heimweg dachte ich die ganze Zeit: Es ist total unlogisch, dass ich die Kühe einerseits beim Zeichnen so bewundere und so schön finde und eben als Lebewesen wahrnehme - und dann nachher esse. Daraufhin habe ich zu meiner Mutter gesagt, ich würde jetzt gerne kein Fleisch mehr essen. Meine Mutter war sofort davon begeistert - und mein Vater hat es auch verstanden. Aber es hat dann etwa noch ein Jahr gedauert, bis ich das richtig hingekriegt habe. Ich habe nämlich unheimlich gerne Fleisch gegessen, war aber anderseits - vom Kopf - total davon überzeugt, dass es falsch ist. Nach etwa eineinhalb Jahren waren wir dann aber alle Vegetarier, auch meine Eltern.

Freiheit für Tiere: Inzwischen leben Sie vegan - kam das durch Ihren Umzug aufs Land, wo Sie mit der Tierhaltung konfrontiert wurden?

Hilal Sezgin: Naja - auch das war mir eigentlich schon länger klar. Aber komischerweise habe ich nicht die richtigen Konsequenzen gezogen. Man kann ja den Kreislauf der Milch- und Eierwirtschaft nicht wirklich komplett trennen von dem Töten, denn die Tiere werden ja auch frühzeitig geschlachtet - die männlichen Tiere noch viel früher. Und es ist ja auch eine qualvolle Haltung. Man kann also nicht sagen, dass nur grundsätzlich das Töten falsch ist - sondern alles, was wir mit diesen Tieren machen, ist falsch. Aber ich habe es nicht zuende gedacht. Ich erkläre es mir so: In den 80er Jahren war es so lange meine Identität, Vegetarierin zu sein, und das war früher so exotisch! Und irgendwie habe ich da den nächs­ten Schritt nicht gesehen. Aber als ich dann hier aufs Land zog und dann auch in Bio-Farmen sah, dass die Kälber in Kälber-Hütten stehen - das war für mich nochmal so ein Augenöffner. Irgendwie dachte ich, auf den Bio-Höfen sind die Kälber bei ihren Mamas. Aber als mir klar wurde, dass ja alles nur minimal besser ist bei »Bio« und dass natürlich die Kälber in den Kälber-Hütten stehen und die Menschen die ganze Milch nehmen, und als ich dann parallel meine eigenen Schafe gesehen habe, wie die an ihren Kindern hängen - natürlich -, da bin ich dann vegan geworden.

Freiheit für Tiere: Sie leben ja nun mit Tieren zusammen und haben auch Tiere gerettet. Was hat sich durch dieses Leben mit Tieren geändert?

Hilal Sezgin: Die Tiere und ich haben uns jetzt über die Jahre aufeinander eingespielt - und die Tiere geben mir ja auch viel. Wenn ich in den Stall gehe, kommen einige Tiere zu mir... Ich finde es einfach viel schöner und bereichernder, mit verschiedenen Tierarten zusammenzuleben, als in der Stadt nur unter Menschen - vielleicht mit einem Haustier, das dort aber auch nicht wirklich glücklich leben kann. Als ich in der Stadt wohnte, habe ich das vermisst, es war mir aber nicht klar, wie wichtig es für mich ist.

Freiheit für Tiere: Ihre persönliche Überzeugung bringen Sie ja auch immer wieder in Ihrer Arbeit als Journalistin zum Ausdruck - in wirklich guten und mutigen Artikeln! Gibt es darauf Reaktionen von den Zeitungen oder von Lesern? - Vor einigen Jahren waren solche Berichte in Zeitungen ja noch undenkbar.

Hilal Sezgin:
Ja, das ist eine sehr interessante und - wie ich finde - auch tolle Entwicklung! Ich bin seit Mitte der 90er Jahre Journalistin, und ich habe von Anfang an versucht, Tier-Themen unterzubringen. Das war früher total schwierig. Da musste ich ganz mühsam suchen - zum Beispiel, wenn ich einmal im Jahr auf eine Tagung fuhr oder einmal ein Buch fand, das ich besprechen konnte. Tiere und ihre Rechte gehörten weder ins Feuilleton noch in den Politik-Teil. Das hat sich in letzter Zeit geändert. Ich kommentiere seit sechs Jahren in der taz in der Kolumne »Das Schlagloch«. Und als ich da zum ersten Mal vor vier oder fünf Jahren zum Thema Tierrechte schrieb, war das noch ein bisschen ungewöhnlich. Dann kamen aber ganz viele Leser-Zuschriften. Und in den letzten Jahren hat sich ja auch viel geändert. Heute ist das irgendwie normal. Jetzt habe ich ja sogar eine Tier-Kolumne im Feuilleton. Und diese Sachen waren früher einfach nicht möglich: der ganze breite Diskurs über Tiere, dass das auch zur Politik gehört, zur Gesellschaft und der Art, wie wir leben.

Freiheit für Tiere: Inzwischen ist es ja so, dass große Zeitungen und Magazine das Thema Vegetarismus in großen Artikeln und zum Teil sogar auf Titelseiten aufgreifen - und zwar positiv! Wie erklären Sie sich diesen Wandel?

Hilal Sezgin: Es ist ja nicht mehr schwer abzusehen, dass diese Art des Fleisch- und Milchkonsums die Welt und die Menschheit in den Ruin treiben wird. Und dann gibt es natürlich auch die moralische Argumentation, die es auch in früheren Jahrhunderten immer wieder gegeben hat, und jetzt eben geballt aufgekommen ist - nachdem es viele Bewegungen gab für die Rechte der Frauen oder für ökologische Zusammenhänge. Und jetzt ist eben etwas Ähnliches entstanden für Tiere. Ich denke, dass das ein ganz wichtiger Schritt ist. Es war ganz lange normal, dass man Tiere nach Strich und Faden ausbeutet. Aber jetzt ist es irgendwie so gekommen - Dank vielfältiger Anstrengungen auf ganz vielen Gebieten und von ganz vielen Leuten, und in der Biologie hat sich auch ganz vieles geändert -, dass es eben nicht mehr normal ist, Tiere als »Ist doch wurscht, was die mit denen machen« abzutun. Das hilft zwar den Tieren jetzt momentan noch nicht so wirklich - aber vielleicht ist es ein Anfang.

Freiheit für Tiere: Hat die Menschheit auf diesem Planeten überhaupt eine Zukunft, wenn sich im Umgang mit den Tieren nichts Grundlegendes ändert?

Hilal Sezgin: Das sind viele Fragen eigentlich in einer. Lässt sich die Massentierhaltung ökologisch überhaupt halten? - Das ist sehr fraglich. Darüber hinaus gibt es sehr viele Faktoren, die an der Zukunft der Menschheit zweifeln lassen. Es kann natürlich sehr schief ausgehen in den nächsten Jahren. Und der Fleischkonsum ist eine dieser Gefahren - auch der Antibiotika-Missbrauch, der damit einhergeht, die Landzerstörung, die Wasservergeudung. Aber wir Menschen arbeiten ja an sehr vielen Fronten, um uns selbst und den Rest der Welt in Gefahr zu bringen: Atomkraft, Kriege... das ist ja das nächste. Deswegen: Die alte Frage, werden wir uns selber kaputt machen oder nicht, kann man so gar nicht beantworten. Eine andere Frage wäre natürlich: Haben wir moralisch eine Zukunft? Können wir auch anders mit den Tieren umgehen? Können wir die Tiere aufnehmen in unsere Idee von Gleichberechtigung? - Und auch da muss man sagen: Es geht nicht immer nur geradeaus mit dem moralischen Fortschritt. Es gibt Rückschläge, in einigen Teilen der Welt gibt es vielleicht Fortschritte, in anderen werden die Tiere umso schlimmer ausgebeutet. Während wir in Europa und in Amerika über den Vegetarismus diskutieren, exportieren unsere Firmen genau dieses System der Massentierhaltung und der Biolabors in andere Länder, wo dann die schlimmsten Käfighaltungen wieder aufgebaut werden. Da kann einem manchmal schon schwindelig werden. Das ist ein pessimistisches Schlusswort. Sorry.