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Lebensräume: Schildkröten in Orissa



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B E D R O H T E   M E E R E S S C H I L D K R Ö T E N 

Von Isis Gaddis

Noch wenige Meter, dann ist es so weit. Ich taste mich vor durch die Dunkelheit, folge unserer kleinen Gruppe. Die eben noch lebhaften Gespräche sind verstummt, jeder ist auf sich selbst konzentriert. Ein ausgetretener Pfad führt auf eine Brücke zu, eine eigenwillige Konstruktion aus notdürftig befestigten Bambusstäben. Unsicher, ob sie mich hält, mache ich den ersten Schritt, überquere langsam den kleinen Fluss, der unter mir in Richtung Ozean fließt. Am Strand ist es angenehm kühl. In den Sand gehockt, warten wir angespannt. Dann ein Aufschrei: »Turtles, hatchlings, come, come, come!«

Ich springe auf und laufe gemeinsam mit den anderen in die Richtung, aus der die Stimmen kommen und wo sich nun eine Traube von Menschen bildet. Dann sehe ich sie, direkt vor mir im Sand, ein wuseliges Knäuel frisch geschlüpfter Schildkrötenbabys, im Englischen »Hatchlings« genannt. Nur wenige Zentimeter groß, wühlen sie sich beinahe geräuschlos durch den Sand an die Oberfläche. Zunächst eines nach dem anderen und dann alle zu gleich kämpfen sie sich vorwärts. Mehrere Dutzend sind es allein in diesem Nest, unzählbar viele am ganzen Strand; und es werden immer mehr. Kaum zu glauben, dass diese Tiere vom Aussterben bedroht sind.

Das nächtliche Spektakel spielt sich im ostindischen Bundesstaat Orissa ab, dort, wo der Rushikulya-Fluss in den Golf von Bengalen mündet. Die Sanddünen von Rushikulya zählen zu den letzten Massenbrutplätzen der Olivgrünen Bastardschildkröte, einer Meeresschildkrötenart, die außerhalb Indiens vor allem in Mittelamerika heimisch ist. Alljährlich im Spätherbst kommen zunächst die Männchen zur Paarung in die flachen Küstengewässer von Orissa. Kurze Zeit später folgen die Weibchen, die dabei, einer eigenwilligen Laune der Natur und einem bislang kaum verstandenen Orientierungssinn folgend, genau den Strand aufsuchen, an dem sie selbst einst geschlüpft sind. Zwischen Januar und April erfolgt die Eiablage. In einer einzigen Nacht kommen dann mitunter mehrere tausend Weibchen aus dem Wasser und bevölkern gemeinsam den Strand auf der Suche nach einem geeigneten Brutplatz. Eine einzige Schildkröte kann zwischen 80 und 150 Eier

legen, eine gewaltige Kraftanstrengung für diese ansonsten nur im Ozean lebenden Tiere. »La Arribada«, zu deutsch »die Ankunft«, nennen Biologen dieses einzigartige Schauspiel, bei dem Millionen Eier gelegt und verscharrt werden. Sieben bis acht Wochen später graben sich die »Hatchlings« scharenweise aus dem Sand.

Reise nach Orissa

Meine Reise nach Orissa, die mich bis nach Rushikulya führen sollte, nahm ihren Anfang zum Jahreswechsel 2005/06. Kurz nach Weihnachten erhielt ich eine E-Mail aus dem deutschen Greenpeace-Büro in Hamburg mit der Frage, ob ich mir vorstellen könne, für einige Wochen an einem »Turtle Witness Camp« in Indien teilzunehmen. Umweltschützer aus aller Welt sollten dort dokumentieren, dass die Strände von Orissa nicht mehr das Schildkrötenparadies seien, als das sie einst galten, und dass der Lebensraum dieser Tiere durch Überfischung, Umweltverschmutzung und Industrieansiedelungen ernsthaft bedroht sei. Ich war zu dieser Zeit bereits seit über acht Jahren für Greenpeace engagiert und hatte schon an mehreren Aktionen im Rahmen der laufenden Ozeankampagne teilgenommen. Keine Frage, dass ich zusagte. So begann Mitte März dieses Jahres meine Reise an die indische Ostküste. Von Frankfurt flog ich zunächst in die westindische Stadt Mumbai, dem einstigen Bombay, und dann quer über den indischen Subkontinent nach Bhubaneswar, der Hauptstadt von Orissa, die in Reiseführern bisweilen auch als »Stadt der Tempel« gepriesen wird. Von Bhubaneswar bis ins Camp waren es dann noch gut fünf holprige Autostunden. Immer wieder wurde unsere Fahrt davon unterbrochen, dass sich eine der unzähligen in Indien lebenden, den Hindus heiligen Kühe seelenruhig auf der Straße niedergelassen hatte und nur widerwillig bereit war, unserem Jeep zu weichen.
Das Greenpeace-Camp liegt im Mündungsgebiet des Devi-Flusses, nur wenige Kilometer von der ostindischen Küste entfernt und in der Nähe des kleinen Dorfes »Bandar«. Wie auch die Rushikulya-Region, die ca. 150 km südwestlich liegt, waren die hiesigen Küstenabschnitte einst ein wichtiger Massennistplatz der Olivgrünen Bastardschildkröte. Allerdings ist in der Devi-Region seit mittlerweile sieben Jahren kein »Arribada« mehr beobachtet worden, nur noch vereinzelt kommen Schildkröten hier zur Eiablage an Land. Unser Camp besteht aus mehreren Zelten, Toiletten und Duschen, dazu einem Betonunterstand, der normalerweise von Fischern genutzt wird und der uns vor der brennenden Sonne schützt; dank einer Solaranlage auf dem Dach gibt es sogar Strom.

Bei meiner Ankunft sind etwa zwei Dutzend Leute im Camp, ein kunterbuntes, multinationales Konglomerat von Menschen mit Biographien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da ist etwa Savokar Behera aus Orissa, den alle unter dem Namen Tuku kennen. Er hat vor dreizehn Jahren die Organisation »Green Life Rural Association« gegründet. Zusammen mit zwölf Mitstreitern macht er sich für den Schutz der Schildkröten in der Devi-Region stark, ohne nennenswerte finanzielle Mittel, dafür aber mit viel persönlichem Engagement und Durchhaltevermögen. Ebenso erstaunlich ist der Einsatz von Ruth Piotrowski, langjährige Greenpeace-Unterstützerin aus Dortmund, die sich im stattlichen Alter von 70 Jahren auf die 7000 Kilometer lange Reise nach Indien begeben hat, um an dem Camp teilzunehmen.

Im »Turtle Witness Camp«

Die Präsenz von Greenpeace in der Devi-Region begann am 27. Januar dieses Jahres, als das »Turtle Witness Camp« mit einer feierlichen Zeremonie, nach traditionell indischer Art, eingeweiht wurde. Der englische Name des Camps ist Programm. Es geht darum, ein Zeugnis davon abzulegen, dass die Meeresschildkröten von Orissa in ihrem Bestand stark gefährdet sind; ihre Tragödie soll für die Öffentlichkeit dokumentiert werden. Wie dramatisch es um die Schildkröten bestellt ist, sehe ich bei meiner ersten Tagespatrouille an den nahe gelegenen Stränden mit eigenen Augen.

Die Meeresschildkröten fallen den Trawlern zum Opfer

Zwischen Devi und Kadua werden täglich tote Schildkröten angeschwemmt, kilometerweit reiht sich hier Kadaver an Kadaver, in unterschiedlichsten Verwesungsstadien. Manche der toten Tiere haben weiß markierte Zahlen auf dem Panzer, ein Zeichen dafür, dass auch das indische »Forest-Department«, das eigentlich für den Schutz der Schildkröten zuständig wäre, den Kadaver vermerkt hat. Viele Tiere aber sind ohne Kennzeichnung, tauchen nie in den offiziellen Statistiken auf.

Die meisten der hier tot angeschwemmten Schildkröten gehen auf die Kosten von Trawlern, die in großer Zahl in den hiesigen Gewässern fischen. Schildkröten sind Lungenatmer, müssen also zum Luftholen an die Wasseroberfläche kommen. Verfangen sie sich im Netz eines Trawlers, so bleibt ihnen dieser Aufstieg verwehrt; sie ertrinken qualvoll, verenden als »Beifang«. Ein Entrinnen ist kaum möglich, die Netze sind zu engmaschig und bleiben zu lange unter Wasser. Offiziell existieren an den wichtigsten Massennistplätzen der Schildkröten Schutzzonen, so genannte »sanctuary areas«, in denen die Fischerei entweder ganzjährig, mindestens aber während der Brutzeit, stark eingeschränkt ist; Ausnahmen gelten nur für traditionelle Fischer, die mit ihren kleinen Booten und einfachen Netzen den Schildkröten nicht gefährlich werden.

Die Tragödie der Schildkröten von Orissa

Doch die Realität sieht anders aus. Die Einhaltung der Schutzbestimmungen wird von den indischen Behörden kaum kontrolliert, viele der Regelungen sind nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurden. Mit bloßem Auge lassen sich vom Strand aus eine Reihe von Trawlern ausmachen, die innerhalb der eigentlich geschützten 20-Kilometer-Zone fischen. Noch deutlicher sichtbar wird dieser Umstand, wenn wir mit der »MV Sugayatri«, einem von Greenpeace zur Unterstützung der Camp-Aktivitäten gecharterten Schiff, hinausfahren. Immer wieder stoßen wir mitten in den Schutzgebieten auf illegal fischende Trawler, die ihre Netze einholen, sobald sie uns sehen. Neben dem mechanisierten Fischfang existieren weitere Bedrohungen für die Schildkröten, wie etwa die Verschmutzung der Küstengewässer durch Ölraffinerien, petrochemische Fabriken oder Hafenanlagen. Zur Zeit plant der indische Stahlgigant TATA den Bau eines weiteren großen Industriehafens bei Dhamra, in unmittelbarer Nähe der für die Schildkröten überlebenswichtigen Massennistplätze.

Um die Tragödie der Schildkröten von Orissa zu dokumentieren, patrouillieren wir stundenlang an den Stränden in der Devi-Region, auf der Suche nach frisch angespülten Kadavern. Die Sonne scheint erbarmungslos, die Temperatur klettert Ende März auf über 40 Grad Celsius und die Luft ist sehr feucht. Orissa ist bekannt für sein extremes Klima, selbst unseren indischen Kollegen macht diese schweißtreibende Hitze zu schaffen. Jedes neue Tier, das wir entdecken, wird von uns vermessen; wir stellen das Geschlecht fest und markieren seine Position per GPS. Abschließend machen wir dann ein Foto von dem Kadaver, mit einem kleinen Schild im Hintergrund, das eine Nummer zeigt; diese gibt an, um den wievielten Fund es sich auf dem Bild handelt. Als ich im Camp ankomme, steht die Marke bereits bei ungefähr 2.000; bei meiner Abreise werden es 2.167 tote Schildkröten sein, denen wir auf diese Weise ein Gesicht gegeben haben. Eine gigantische Zahl, besonders wenn man bedenkt, dass wir nur einen kleinen Teil der Küsten von Orissa überhaupt erfassen und dass viele tote Schildkröten, vom Ozean fortgespült, nie an Land geschwemmt werden. Insgesamt schätzen Wissenschaftler, dass in den letzten zehn Jahren über 100.000 Schildkröten vor den Küsten Orissas verendet sind. Die Devi-Region hat dabei außerordentlich viele Todesfälle zu beklagen, hier sind die Kontrollen der Regierung besonders lax, und der illegale Fischfang ist daher besonders gravierend. Die Folgen davon sind deutlich spürbar. Nicht nur, dass die eindrucksvollen »Arribadas« seit Jahren ausbleiben und die einstige Massenniststätte sich schleichend in ein Massengrab verwandelt hat - auch die traditionellen Fischer beklagen, dass ihre Fänge, als Folge der starken Überfischung, beständig zurückgehen.

»Beifang« - eine ökologische Katastrophe

Im Gespräch mit den Einwohnern aus den umliegenden Dörfern zeigt sich, wie komplex die Wechselwirkungen zwischen dem Schutz der Schildkröten, der Fischereiwirtschaft und den Lebensumständen der hier ansässigen Menschen sind. Die Region Orissa lebt vom Fischfang, so dass dessen Einschränkung unweigerlich auch wirtschaftliche und soziale Auswirkungen hat. Gleichzeitig aber sind es gerade die traditionellen Fischer, die die Folgen leergefischter Gewässer als Erste zu spüren bekommen und am wenigsten verkraften, da sie mit ihren kleinen, oftmals unmotorisierten Booten nicht weit hinausfahren können. Insbesondere der immense Beifang der Trawler ist eine ökologische und ökonomische Katastrophe; Schildkröten, Delphine, Fische, die umsonst sterben, weil sie sich in einem Netz verheddert haben, das eigentlich nicht für sie bestimmt war, werden einfach wieder ins Meer zurückgeworfen.

Schutzbemühungen und Ökotourismus

In diesem Spannungsfeld zwischen Umweltschutz und der Wahrung wirtschaftlicher und sozialer Belange haben sich in den letzten Jahren in Orissa einige sehr interessante und vielversprechende lokale Initiativen herausgebildet, wie etwa die »Green Life Rural Association« von Tuku oder das »Sea Turtle Conservation Protection Commitee« in Rushikulya. Beide haben gemeinsam, dass sie beim Schutz der Schildkröten einen partizipativen Ansatz verfolgen und auf die Einbindung der lokalen Fischer und küstennahen Dorfbewohner setzen. Sie verteidigen die Rechte der traditionellen Fischer, lehnen aber den mechanisierten Fischfang, insbesondere durch Trawler, in den Schutzzonen ab. In Rushikulya setzt man zudem auf Ökotourismus: Während der »Hatchlingssaison« können interessierte Besucher früh morgens an den Stränden mithelfen, die kleinen Schildkrötenbabys, die es bis zum Tagesanbruch nicht zum Ozean geschafft haben, einzusammeln und im Wasser auszusetzen. Diese Attraktion lockt nicht nur Touristen an, auch lokale Schulklassen und viele einheimische Helfer nehmen daran teil, wollen mit dazu beitragen, die winzigen »Hatchlings« vor Krähen, Hunden und anderen Räubern zu bewahren. Doch auch wenn die frisch geschlüpften Schildkröten es bis zum Wasser schaffen, steht ihnen dennoch eine ungewisse Zukunft bevor.

Schildkrötenbaby in meiner Hand

Dessen bin ich mir wohl bewusst, als ich am Strand von Rushikulya die zwei kleinen, wie wild zappelnden Schildkrötenbabys in der Hand halte, vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger, um sie nicht zu zerdrücken. Gleich werde ich sie im Meer aussetzen. Bei der ersten Berührung mit dem Wasser rudern die Winzlinge sofort energisch mit den Flossen, sie scheinen zu ahnen, dass dies ihr angestammter Lebensraum ist.

Akut vom Aussterben bedroht

Mittlerweile ist die Morgendämmerung eingebrochen, überall am Strand liegen zerbrochene Eierschalen, dazwischen krabbeln Tausende kleiner Schildkröten, die zu spät geschlüpft sind und nun versuchen, in einem verzweifelten Wettlauf mit der Natur, doch noch den rettenden Ozean zu erreichen. Aber ihre Chancen sinken mit der aufgehenden Sonne, Krähen kreisen in der Luft und machen Jagd auf die Winzlinge. Von 1000 »Hatchlings« erreicht nur ein Tier die Geschlechtsreife. So will es die Natur, so zahlreich sind die Fressfeinde, die sie den Schildkrötenbabys mit auf den Weg gegeben hat. Dennoch hat sich dieses diffizile Fortpflanzungssystem seit rund 200 Millionen Jahren bewährt. Erst der Mensch brachte die Situation zum Kippen; mittlerweile sind alle Meeresschildkrötenarten akut vom Aussterben bedroht. Die Lage ist weltweit so dramatisch, dass die UN das Jahr 2006 zum »Jahr der Schildkröte« erklärt hatte. Eines ist jedenfalls sicher: Die Meeresschildkröten bedürfen unseres Schutzes, sonst sind ihre Tage gezählt.



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Foto: Greenpeace In der Devi-Region werden täglich tote Schildkröten angeschwemmt.



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Foto: Greenpeace Mit Hilfe der MV Sugayatri patrouillieren Greenpeace-Aktivisten an Küsten von Orissa auf der Suche nach illegal fischenden Trawlern.



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