Tierversuche - moralisch und wissenschaftlich verantwortungslos
Von Peter Jennrich, Facharzt für Allgemeinmedizin
Ein häufiges Vorurteil, das im Unterbewusstsein vieler Menschen steckt, lautet sinngemäß: »Tiere wissen und fühlen nicht, was mit ihnen passiert.« Diese Vorstellung mag der Erfolg einer Jahrhunderte langen Indoktrination von Seiten der katholischen Kirche sein, die die Tiere zu unbeseelten Dingen degradiert hat, die nur für den menschlichen Gebrauch bestimmt seien. Das Gegenteil jedoch ist der Fall: Tiere sind Lebewesen, die mit uns gemeinsam auf der Erde leben. Sie teilen mit uns den Lebensraum auf der Erde. Sie atmen dieselbe Luft, trinken dasselbe Wasser und sehen dieselbe Sonne auf- und untergehen. Tiere tragen einen Hauptanteil zur Stabilität des Ökosystems »Erde« bei.
Gefühle, Kommunikation und Altruismus im Tierreich
Tiere können fühlen, miteinander reden, sie sind aufmerksam und interessiert, sie können Furcht und Freude zeigen, und sie können nicht nur körperliche, sondern auch psychische Verletzungen erleiden. Sie haben ein Familienleben und kümmern sich uneigennützig um Artgenossen. Dieses Verhalten sprengt den Rahmen des bloßen Selbsterhaltungstriebes und wird in der Tierpsychologie als »Altruismus« bezeichnet. Dazu zählt das Verhalten vieler Muttertiere, die ihr Futter mit anderen teilen oder die während des Stillvorganges hilflos sind und Raubtieren zum Opfer fallen können. Auch das gezielte Vortäuschen einer eigenen Invalidität (z. B. gebrochener Flügel), um Angreifer von den hilflosen Jungtieren wegzulocken, sowie der Alarmruf vieler Vögel, die ihre Artgenossen vor Feinden warnen und dabei die Aufmerksamkeit auf sich lenken, sind selbstlose Verhaltensweisen, die das Wohl der eigenen Kinder oder das von Gruppenmitgliedern über das eigene Leben stellen. Auch bei Mäusen ist altruistisches Verhalten bekannt. So weist die Verhaltensbiologin Professor Barbara König vom Zoologischen Institut der Universität Zürich darauf hin, dass trächtige Hausmäuse, die im selben Territorium leben, sich immer wieder mit anderen werdenden Hausmaus-Müttern zusammenlegen und Gemeinschaftsnester bilden. In diesen säugen sie die Jungen partnerschaftlich - ohne dabei zwischen eigenen und fremden Jungen zu unterscheiden. Altruistisch ist dabei das Verhalten der Mausmutter mit der geringeren Nachkommenschaft, da sie eigentlich weniger Milch produzieren müsste, was für sie weniger anstrengend und belastend wäre. Sie und ihre Nachkommen hätten einen »Evolutionsvorteil«, weil sie stärker wären als die Mitglieder einer kinderreichen Mäusefamilie, bei der die Milch für alle reichen muss, was die Mäusemutter stärker körperlich belastet und erschöpft und die Kinder eventuell aufgrund mangelnder Muttermilch nicht so kräftig werden lässt. Vielleicht ist das auf Charles Darwin zurückgehende Evolutionsprinzip des »survival of the fittest«, also das Überleben des Stärkeren, doch nur eine Theorie und nicht die letzte Wahrheit. Vielleicht gibt es ja ein Prinzip in der Natur und Tierwelt, das lauten könnte: »Was du willst, dass andere dir tun sollen, das tue du zuerst.« Die Verhaltensbiologin Barbara König sagt dazu: »Tiere, die anderen helfen, sind zwar in der Minderheit - aber alles andere als ein Auslaufmodell.«
Maus und Ratte im Tierversuch - Verbrechen an fühlenden Lebewesen
Die Tiere, die mit am meisten unter der Herzlosigkeit und Gefühllosigkeit der Tierversuchsforscher zu leiden haben, sind Mäuse und Ratten. Einerseits weil das »Ansehen« von Maus und Ratte in der westlichen Zivilisation nicht sehr hoch ist, andererseits weil die Genehmigung von Tierversuchen mit Mäusen und Ratten denkbar einfach ist: Wenn ein Forscher sich einen neuen Tierversuch ausgedacht hat, muss er diesen Versuch von der Tierversuchskommission genehmigen lassen. In dieser Kommission sitzen überwiegend »Fachleute«, d.h. Forscher, die selbst Tierversuche durchführen. Dennoch muss der Antrag formal begründet werden. Ein Hauptargument für die Begründung, warum dieser Versuch gerade an Mäusen gemacht werden soll, ist die Tatsache, dass Mäuse früher auch schon für ähnliche Versuche hergenommen wurden und die neuen Ergebnisse dadurch mit den alten Ergebnissen verglichen werden können. Die Begründung, warum eine neue Substanz oder andere Fragestellungen gerade an Mäusen erforscht werden sollen, beruht also nicht darauf, dass die Maus dem Menschen besonders ähnlich sei oder eine ähnlich krankmachende Lebensweise wie viele Menschen hätte. Da diese wichtigen Modell-Voraussetzungen nicht erfüllt werden können, gibt man sich lieber mit Ersatzargumenten im Sinne von »Das haben wir schon immer so gemacht, das machen wir weiter so!« zufrieden. Kein Wunder, dass die wissenschaftliche Tierquälerei zu irreführenden Resultaten und zu Schäden an Mensch und Tier führt. Vielleicht mag der Begriff der Tierquälerei im Sinne der Gesetzgebung nicht auf alle Tierversuche zutreffen, im ethisch-moralischen Sinne jedoch kann man lebenslange Freiheitsberaubung, Isolationshaft und psychische und physische Folter an fühlenden Lebewesen nur als Quälerei bezeichnen.
Um einmal zu verdeutlichen, mit welchen Lebewesen wir es zu tun haben, wenn wir von Tierversuchen sprechen, will ich Ihnen nun einige Aspekte von Maus und Ratte näher bringen.
Die Maus - ein empfindendes und kommunizierendes Lebewesen
Mit der Mäusesprache verfügen die Mäuse über eine gut ausgebildete Kommunikationsmöglichkeit untereinander. Für das menschliche Ohr sind davon nur einige Lautäußerungen wie Angst-, Schmerz- und Drohschreie wahrnehmbar. Die eigentliche Mäusesprache ist für unsere Ohren nicht hörbar, da ihr Hauptvokabular im Ultraschallbereich liegt. Neben der Mäusesprache verfügen Mäuse über eine für uns Menschen wahrnehmbare gut ausgeprägte Körpersprache. Vom Menschen wissen wir, dass seine Körpersprache, also seine Haltung und Bewegungen, von seinen Gedanken und Gefühlen gesteuert wird. Ähnlich ist es bei Mäusen, Ratten und Meerschweinchen. Man kann an ihren Bewegungen erkennen, was in ihnen vorgeht: Angst, Vorsicht, Aufmerksamkeit und Neugier, Entspannung und Geborgenheit lassen sich bei Mäusen zum Beispiel an ihrer Körperhaltung, an der Haltung ihres Kopfes und an der Stellung ihrer Ohren sehr gut erkennen.
Menschen und Tiere nehmen ihre Umgebung mit ihren Sinnen wahr. Je sensibler der Geruchs-, Seh-, Gehör-, Geschmacks- und Tastsinn ist, desto intensiver wird die Umwelt erlebt. Die Sinne der Tiere sind zum Teil besser ausgeprägt als die der Menschen. Dies gilt auch für Maus und Ratte. Am besten ausgeprägt ist bei der Maus der Geruchssinn. Das Riechvermögen der Maus ist vergleichbar mit einer Hundenase, und der Hund gilt als das Säugetier mit der besten Nase. Mäuse erriechen ihre Nahrung, ihre einzelnen Rudelmitglieder, ihr Revier, ihre Partner, fremde Artgenossen. Das Leben der Mäuse ist durch diese anatomische Besonderheit deutlich geprägt. Ein weiteres sehr gut entwickeltes und wichtiges Sinnesorgan der Maus sind die Tasthaare, die sich um die Schnauze herum befinden. Sie reagieren hoch empfindlich auf jede Berührung und helfen der Maus, sich auch in der Nacht oder im Dunkeln gut zurechtzufinden. Mit Hilfe der Tasthaare kann eine Maus auch sehr schnell abschätzen ob ein Loch, ein Gang oder eine Spalte, durch die sie hindurch will, groß genug für sie ist. Mit ihren gut ausgeprägten Sinnen erlebt die Maus ihre Umwelt sehr intensiv - vielleicht sogar intensiver als der Mensch seine Umwelt erlebt. Wie mag sie da wohl ihre Gefangenschaft im Laborkäfig und die an ihr durchgeführten Quälereien empfinden?
Ein weiteres sehr gut ausgeprägtes Sinnesorgan der Maus ist ihr Gehör. Mäuse können im Vergleich zu uns Menschen deutlich höhere Töne wahrnehmen. Dies hängt auch mit ihrer Lautsprache zusammen, die hauptsächlich im Ultraschallbereich liegt.
Im Gegensatz zu Gehör-, Geruchs- und Tastsinn ist die Sehkraft der Maus eher schlecht entwickelt. Die Maus sieht nur im ganz nahen Bereich gut. Jedoch hat sie durch die seitliche Anordnung der Augen am Kopf eine fast vollkommene Rundumsicht und kann Bewegungen, wie herannahende Feinde oder Hände, die in den Käfig greifen, sehr schnell wahrnehmen. Eine weitere lebenswichtige Fähigkeit, die bei Ratten bekannt ist, haben die meisten Menschen verkümmern lassen: Ratten merken, wenn sie einen Wasser-, Salz- und Kalorienmangel haben, und wählen dann ihre Nahrung entsprechend aus. Unbekannte Nahrungsmittel werden nur gesondert und in kleinen Mengen verzehrt. Auf diese Weise können die Ratten feststellen, welches Nahrungsmittel ihnen nicht bekommt oder sie krank machen kann.
Mäuse sind von Natur aus sehr schreckhaft und scheu. Durch hektische Bewegungen oder grelles Licht lassen sie sich schnell erschrecken und ergreifen die Flucht, sofern dies möglich ist. Ist dies nicht möglich, sind sie einem enormen Stress ausgesetzt. Dies belegt auch eine aktuelle wissenschaftliche Studie, die aufzeigt, dass allein schon der Umgang mit Versuchstieren erheblichen Einfluss auf die Ergebnisse von Tierversuchen hat.
Studien belegen: Der Stress der Tierversuche verfälscht die Ergebnisse
Mäuse, Ratten, Kaninchen, Hunde, Gänse und andere Tiere werden durch bloßes Anfassen und durch sogenannte Routine-Untersuchungen wesentlich mehr gestresst, als bislang angenommen. Die Stressreaktionen der Tiere verfälschen die Tierversuchs-Daten. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie, die bereits im September 2004 in einem Fachjournal für Versuchstierkunde erschienen ist. Dass dies keine Einzelbeobachtung ist, geht daraus hervor, dass der Verhaltensforscher Dr. J. Balcombe vom amerikanischen »Ärztekomitee für verantwortungsvolle Medizin« nicht nur eine, sondern 80 verschiedene Veröffentlichungen zu Eingriffen an Versuchstieren untersucht hat.
Dadurch konnte er zeigen, dass allein schon das Hochheben einer Maus bei dem Tier eine Reihe von Stressreaktionen hervorruft, die auch eine Stunde danach noch nachweisbar sind. Auf so genannte Routine-Eingriffe, wie Blutentnahmen und Zwangsfütterung mit einer Magensonde reagieren die Tiere mit Angst und Panik. Stresshormone im Blut steigen an, der Puls rast, der Blutdruck geht in die Höhe, die Immunabwehr sinkt. Dies geschieht schon vor dem eigentlichen Experiment und wirkt lange im Körper der Maus nach. Dr. Balcombe kommt zu dem Schluss, dass es keine humanen Experimente gibt und dass die Forschungsergebnisse durch die Stressreaktionen wie Hormonausschüttung und Immunsuppression verfälscht werden können.
Auch andere wissenschaftliche Studien bestätigen die Kritik von Dr. Balcombe. So konnten Untersuchungen der Universität Gießen und der University of California zeigen, dass die reizarme Umgebung der standardisierten Käfighaltung bei Nagern wie Mäusen und Ratten zu Verhaltensstörungen und dauerhaften Hirnschädigungen führt. Auch dies kann zu falschen Versuchsergebnissen führen.
Diese und weitere Studien unterstützen sozusagen von wissenschaftlicher Seite aus das, was viele Tierschützer und Tierrechtler mit einem gesunden Einfühlungsvermögen schon lange fühlen und fordern:
1.) Tiere sind leidensfähige Individuen, an denen keine Versuche gemacht werden dürfen
2.) Tierversuche sind eine ungeeignete Methode für die Gewinnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Es ist höchste Zeit, dass diese Erkenntnis bis in das letzte Forscherhirn und -herz vordringt und auf politischer und wissenschaftlicher Ebene die notwendigen und längst überfälligen Konsequenzen gezogen werden: die Abschaffung der Tierversuche sowie der Ausbau, die Förderung und die Weiterentwicklung tierversuchsfreier Forschung und Medizin.
Informationen: Peter Jennrich, Facharzt für Allgemeinmedizin Marienstr. 1 97070 Würzburg Im Internet: www.tierversuchsfreie-medizin.de
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