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Die Zukunft der Arten

Konventionelle Landwirtschaft und Jagd: Die größten Feinde der Arten

Die Zukunft der Arten gilt als hochgradig bedroht. Viele Pflanzen- und Tierarten, die früher selbstverständlich waren, kommen gegenwärtig nur noch selten vor oder sind vollständig verschwunden.

Andere Arten hingegen wurden häufiger und neue Arten wanderten ein oder konnten sich ansiedeln, nachdem sie zuvor nur in Gärten vorgekommen waren. »Unser« Mais kommt ursprünglich aus Mexiko, die Kartoffel aus den südamerikanischen Anden, Gers­te und Hopfen stammt aus Zentralasien. »Unsere« Buche stammt aus Südosteuropa. Und unsere Rinder stammen nicht von den germanischen Ur-Rindern ab, sondern von kleinwüchsigen Arten aus Vorderasien.

Der renommierte Biologe Prof. Dr. Josef H. Reichholf, ehemals Leiter der Abteilung Wirbeltiere der Zoologischen Staatssammlung München, hat über »Die Zukunft der Arten« ein aufrüttelndes Buch geschrieben - ein »Muss« für jeden ökologisch Interessierten.

Immer längere Rote Listen

Rund die Hälfte der mit­teleuropäischen Arten gilt als gefährdet. Die Roten Listen werden von Jahr zu Jahr länger. Aus ihnen geht hervor, dass der Artenschutz in den letzten 30 Jahren weitgehend erfolglos blieb - trotz der ungezählten Anstrengungen von Natur- und Tierschützern. Reichholf weist darauf hin, dass so manche dieser Bemü­hungen sogar contraproduktiv wirken - nämlich dort, wo der Mensch meint, er müsse eine Pflanzen- oder Tierart schützen, indem er andere vernichtet. Müssen wir den Wald vor den Rehen schützen, wie die Jäger behaupten? Müssen wir zum Schutz der Brutvögel in den Gärten massenhaft Rabenvögel abknallen?

Reichholf meint nein, denn »die Natur ist von Natur aus veränderlich, dynamisch«. Sie regelt sich selbst, und so schwanken die Bestände und die Arten je nach Klima oder Ver­änder­ung des Lebensraumes ganz natürlich.
Die wirklichen »Feinde« der Artenvielfalt sind zwar längst erkannt, doch wagt sich kaum jemand heran: die moderne Landwirtschaft und die Jagd.

Artenfeind Nr. 1:
Die industrielle Landwirtschaft

Der Artenschwund geht mit weitem Abstand zuerst auf das Konto der modernen Landwirtschaft: Überdüngung, Strukturverarmung und Vereinheitlichung der Lebensbedingungen (um möglichst gleichartige Produktionsverhältnisse zu schaffen) sind Arten-Killer. »Der Stickstoff wurde zum Erstick-Stoff für die Artenvielfalt. Überdüngung, speziell auch mit Gülle, belastet Böden, Grundwasser, Oberflächengewässer und die Luft.« Es fehlt an Lebensräumen wie Hecken, Gewässern, und Stellen ohne intensive landwirtschaftliche Nutzung.

Naturschützer geben sich große Mühe: Mit großem Einsatz von Helfern und mit viel Geld werden für Kröten Amphibien-Leitplanken und Tunnel zur Unterquerung von Straßen gebaut. »Doch was nützt es den Kröten, wenn ihre Teiche von der Landwirtschaft zugedüngt werden?«, fragt der Biologe.



Artenfeind Nr. 2: Die Jagd

Artenschutzerfolge zeigten sich laut Reichholf nur dort, wo die frühere Verfolgung von Arten beendet werden konnte. Als Beispiel nennt er den Biber: Seine Rückkehr verdanken wir der aktiven Wiedereinbürgerung und dem Schutz vor Verfolgung. Die Be­deutung des Schutzes vor Verfolgung für die Artenvielfalt zeigt sich in unseren Städten: Während auf dem Land immer mehr Tierarten aussterben, nimmt die Artenvielfalt von frei lebenden Säugetieren und Vögeln in den Städten zu.

»Jeder kann dies an der ungleich geringeren Scheu der in den Städten lebenden Tiere im Vergleich zum freien Land draußen direkt feststellen«, schreibt Reichholf. Und: »Bei den meisten der größeren Arten hängt die Zukunft nicht am Klimawandel oder an den Störungen durch Spaziergänger oder Naturfreunde, sondern an den Gewehrläufen der Jäger.« Die Jagd erzeuge künstlich Scheuheit und schränke damit die Lebensmöglichkeiten der bejagten Arten sehr stark ein - und das nur wegen der Verfolgung durch eine kleine Minderheit.

Gegenüber der Jagd seien die Schädigungen durch Bau- und Siedlungstätigkeit und Industrie vergleichsweise gering. Nicht einmal dem Verkehr könne eine massivere Dezimierung von Vögeln und Säugetieren angelastet werden als der Jagd. Das ergebe sich aus den Jagdstatistiken in aller Deutlichkeit.

Um die Natur zu schützen, wurden Naturschutzgebiete an­gelegt. Doch die Einschrän­kungen und Begehungsverbote brachten oft keineswegs die erhofften Besserungen. »So­lan­ge in Schutzgebieten wie `Europareservaten für Was­servögel´ und `Feuchtgebieten von internationaler Bedeutung´ oder in so genannten, je­doch meist nicht wirklichen `Nationalparks´ gejagt werden darf, werden die attraktiven Arten scheu bleiben. Und störungsanfällig.«

»Die Natur ist zu schön und zu wichtig!«

Reichholf kommt zu dem Schluss: »Es sieht nicht gut aus, gar nicht gut!« Der Mensch hat sich immer mehr von der Natur getrennt. »Dazu darf es nicht kommen. Dafür ist die Natur zu schön, zu wertvoll und auch zu wichtig für Menschen jeden Alters.«

Der Autor

Prof. Josef H. Reichholf war Leiter der Abteilung Wirbeltiere der Zoologischen Staatssammlung München und lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor an beiden Münchner Universitäten Biologie und Naturschutz.

Das Buch

Josef H. Reichholf
Die Zukunft der Arten - Neue ökologische Überraschungen

dtv Wissen, 2009
ISBN 978-3423345323
Preis: 9.90 Euro