Freiheit für Tiere
Sie sind hier: Startseite » Artikel

Jäger blasen geplantes Massaker nach Protesten ab

Den (Fuchs-)Schwanz eingeklemmt:

Jäger blasen geplantes Massaker nach Protesten ab

Da hatten die wackeren Nimrods die Rechnung ganz offensichtlich ohne den Wirt gemacht. Im südwestlichsten Zipfel von Nordrhein-Westfalen, im Kreis Euskirchen, ist nach massiven bundesweiten Protesten der von Jägern am 7./8. Februar geplante Massenabschuss von Füchsen abgesagt worden. Ein Erfolg für die Tierschützer vor Ort, aber auch für ihre vielen, nach Tausenden zählenden Unterstützer aus allen Teilen der deutschen Michel-Republik. Womit sich zeigt, dass Widerstand lohnt, zumal dann, wenn er sich gegen völlig unsinnige Vorhaben richtet. Er muss aber gebündelt und entsprechend kanalisiert werden. Und das ist in diesem Fall beispielhaft geschehen.
Der Wind beginnt sich zu drehen. Weite Bevölkerungskreise reagieren zunehmend ablehnend, was solche blutigen und überkommenen „Freizeitvergnügungen“ wie die Fuchsjagd anbelangt, die ihre Legitimation ausschließlich auf eine diffuse Tradition gründet.

Wenn jemand die Jagd aus Hobby betreibt, also aus reinem Freizeitspaß heraus Tiere abschießt, und nicht, etwa, weil er ihr Fleisch zwingend und dringend für die eigene Ernährung braucht, stellt sich schon die Frage nach Moral und Ethik. Auch gibt es keine ökologische oder wissenschaftliche/biologische Notwendigkeit, aus der heraus sich solches rechtfertigen ließe.

Aber die erhöhte Sensibilität manifestiert sich auch anderweitig. So hatte der Plan der Stadt Wetzlar, Füchse im Stadtgebiet in Lebendfallen fest zu setzen und anschließend zu erschießen, im Dezember vergangenen Jahres eine Welle der Empörung ausgelöst. Er wurde schließlich, nachdem auch zum Politikum geworden, fallen gelassen. Aber auch in diesem Zusammenhang hatten die Strategen (wider besseres Wissen) die Tollwut- und Bandwurmkarte ausgespielt. Aber der vermeintliche Trumpf stach nicht und entpuppte sich als Rohrkrepierer.

100 Reinekes auf der Abschussliste

Und nun 100 pelzige Rotröcke, die 172 Kilometer weiter westlich der Domstadt dran glauben sollten. Gut, das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass in Deutschland jedes Jahr 5 Millionen Wildtiere erschossen, erschlagen oder in Fallen getötet werden. 5 Millionen Tiere jedes Jahr – das sind 13.700 jeden Tag, 570 pro Stunde, fast 10 Tiere pro Minute. Alle 6 Sekunden stirbt ein Tier durch Jägerhand. Aber 100 lautete das Planungsziel, das man im Rahmen einer konzentrierten, flächendeckenden und sich auf 300 Reviere erstreckenden Vernichtungsaktion zu erreichen hoffte. Natürlich ganz im Sinne der Volksgesundheit. Die Jäger hatten vorgegeben, damit vor allem dem Fuchsbandwurm und Tollwut im südwestlichsten Zipfel von NRW Einhalt gebieten zu wollen.

Eine ziemlich lahme Begründung. Solche und ähnlich dämlichen Rechtfertigungen für Blutbäder, die nur die eigene Lust am Töten kaschieren sollen, werden zwar auch durch ständige Wiederholung nicht schlüssiger und stichhaltiger, aber die Jäger setzten auf deren emotionale Durchschlagskraft. Sie verschwiegen wohlweislich, dass die Tollwut in Deutschland seit 2008 so gut wie ausgerottet ist und eine Infektion mit dem Fuchsbandwurm zu den seltensten Parasitosen in Europa zählt. Die Wahrscheinlichkeit, sich durch Verzehr von kontaminierten Waldbeeren damit anzustecken, ist geringer als ein Lottogewinn mit sechs Richtigen inklusive Zusatzzahl. Oder, anders ausgedrückt: Die Gefahr, an einem mit Reet gedeckten Haus von einer herunterfallenden Ziegel-Dachpfanne getroffen und verletzt zu werden, ist genauso hoch.

Der Schuss ging nach hinten los

Dagegen hatte Johann Jütten, der Sprecher der grünuniformierten Euskirchener „Heger“ , behauptet, etwa 80 Prozent aller im dortigen Kreisgebiet erlegten Füchse würden den Bandwurm-Erreger in sich tragen. Ein schreckliches, Angst einflößendes Szenario. Doch die wahren Motive für die Aktion offenbarte der Mann, Hegeringleiter und stellvertretender Vorsitzender der Kreisjäger in einem internen Schreiben an seine lieben Kameraden: Die mögen sich an diesem Wochenende doch verstärkt dem „Fuchsansitz“ verschreiben, und zwar deshalb, „damit wir auch in diesem Jahr wieder eine beachtliche Strecke öffentlichkeitswirksam präsentieren können“. Ob sich auf diese Weise in der Öffentlichkeit freilich dauerhaft Sympathiepunkte einsammeln lassen, darf inzwischen bezweifelt werden.

In dem Schreiben Jüttens heißt es weiter: „Es ist nämlich vonnöten, unserer nicht jagenden Bevölkerung durch unsere Regionalpresse aufzuzeigen, wie ernst wir das Problem des kleinen Fuchsbandwurms nehmen und dass wir bereit sind, durch gezielte Bejagung etwas dagegen zu tun.“ Wie selbstlos! Der Schuss ging aber nach hinten los.

Verwerten lassen sich getötete Füchse nicht oder nur bedingt. Für den Kochtopf sind sie ungeeignet, und niemand wird noch einen aus ihrem Fell gefertigten Mantel öffentlich spazieren tragen wollen. Aber Jütten weiß Rat: Man könne doch eine warme Decke daraus nähen oder sich ein ausgestopftes, entsprechend präpariertes Exemplar als Schmuck ins Jagdzimmer stellen… Das offenbart sehr anschaulich auch das Dilemma, in dem die Jägermeister bei ihrem angestrengten Bemühen, die Fuchsjagd zu rechtfertigen, stecken.

Der Kick beim tödlichen Schuss



„Dass die gestreckten Füchse eine sinnvolle Verwendung erfahren, ist auch sehr wichtig für unsere Kommunikation nach außen“, hieß es im entlarvenden Jütten-Brief weiter. Und aufgemerkt: Der Mann und die Seinen „strecken“ die Beute lediglich. Das klingt moderater als abknallen oder töten… Aber ausschließlich darum geht es. Man braucht sich nur einmal die einschlägigen Jagdzeitschriften zu Gemüte führen. Oder in den diversen Internetforen zu stöbern: Da ist von der „Lust am Nachstellen und Erbeuten“ die Rede, von der „Waidmannsfreude, einen Fuchs im Schrotschuss rollieren (sich überschlagen) zu lassen“, vom „Reiz der winterlichen Fuchsjagd“, vom „Jagdtrieb“, vom „Jagdfieber“ und vom „Kick“, den der Jäger beim tödlichen Schuss erlebe. Da wird zum Teil große, ungebändigte poetische Kraft frei gesetzt. Mit blumigen Worten schildern die Helden begeistert, wie die Kugel mit dynamischer Stärke aus dem Lauf ihrer Waffe fliegt und sich mit Wumm in den Körper des Opfers bohrt….

Symptomatisch für das Selbstverständnis dieser Klientel mag da ein Dialog in dem Webforum „Jagd erleben“ sein. Da bat ein Mitglied mit dem bezeichnenden Nickname „Shadowsniper“ die erfahrenen Kollegen um Praxistipps, wie es ihm am ehesten gelingen könnte, einen Fuchs an einen Luderplatz zu locken. (Luderplatz??? Ich dachte bislang immer, das sei nur ein anderer Ausdruck für Diskothek. Habe mich aber eines Besseren belehren lassen). Die praxisgestählten Kameraden wussten natürlich Rat. Eine Antwort: „Schau das du eine Faehe bekommst und nimm die Blase, den Inhalt der Blase und du wirst sicher den Fuchsrüden in Sicht bekommen. Waihei“

Ähmm???? Also mal abgesehen davon, dass dieser Experte nicht nur mit Tieren, sondern auch mit Interpunktion und Orthographie auf Kriegsfuß steht und u.a. „das“ und „dass“ nicht auseinander halten kann, spricht diese Aussage Bände! Für diese sich offenbar als Krone der Schöpfung wähnenden Herren über Leben und Tod scheint es ganz normal und selbstverständlich, mal, Daumen runter, eben und nebenbei über Sein oder Nichtsein eines Wesens zu entscheiden. Sie nehmen sich das Recht, eine Füchsin einzig und allein aus dem Grund abzuknallen, um dem Tier die Blase zu entnehmen, deren Inhalt dann als Lockstoff dient, um den Rüden als nächstes Opfer ins Visier nehmen zu können. Bitteschön, wie krank und gottverdammt pervers ist das denn??? Da kann man doch gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte! Waidmannsheil! Darauf einen Jägermeister!

Aber es gibt auch Ausnahmen. Nicht alle Vertreter dieser Zunft ticken so. Auch innerhalb der Jägerschaft mehren sich die mahnenden Stimmen, die derlei Praktiken und Einstellungen kritisch hinterfragen und die vor allem die gnadenlose und durch nichts gerechtfertigte Ballerei auf Füchse vehement ablehnen:

Die Jägeraktion in Euskirchen samt vorgeschobenem Motiv hätte allen wissenschaftlichen Erkenntnissen Hohn gesprochen. Es ist bewiesen, dass sich Fuchspopulationen nicht durch intensive Bejagung reduzieren lassen. Im Gegenteil: Dort, wo den Buschschwänzigen vehement nachgestellt wird, vermehren sie sich stärker und kompensieren die Verluste durch erhöhte Reproduktionsraten. Andererseits nehmen unbejagte Fuchsbestände keinesfalls überhand, auch wenn man uns das immer weismachen will. Jägerlatein in seiner reinsten Form. Komplexe Sozialstrukturen, in denen bei hoher Populationsdichte und geringem Jagddruck deutlich weniger Welpen zur Welt kommen, setzen der Vermehrungsrate Grenzen.

Neben dem örtlichen Tierschutzverein hatten auch engagierte Bürger zum Widerstand aufgerufen. So war (und ist) u.a. eine Demonstration vor dem Sitz der Kreisjägerschaft geplant, bei der auch eine Unterschriftenliste übergeben werden soll(te). Parallel dazu lief eine Online-Petition unter dem Motto „Stoppt das geplante Fuchsmassaker im Kreis Euskirchen“ auf Hochtouren, der sich innerhalb weniger Tage fast 19.000 Unterstützer angeschlossen hatten.

PETA drohte mit Strafanzeige

Die Tierrechtsorganisation PETA hatte mit Strafanzeige gedroht, sollte die Hatz stattfinden. „Laut Tierschutzgesetz muss es für das Töten eines Tieres einen vernünftigen Grund geben – ein solcher liegt sicher nicht vor, wenn sich Hobbyjäger von Beuteneid und der Lust am Töten leiten lassen“, argumentierte Vanessa Reithinger, Fachreferentin für Wildtiere bei PETA Deutschland, in diesem Zusammenhang. Die Unabhängige Tierschutz-Union Deutschlands hatte bereits vorsorglich Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Bonn erstattet – namentlich gegen Oberjäger Jütten. Das war diesem und seinen Brüdern (und Schwestern) im Geiste dann letztendlich doch etwas Gegenwind zu viel. Sie machten einen Rückzieher – aber vermutlich nicht aus Einsicht. Man wolle kein Strafverfahren riskieren, heißt es. Auch seien Jäger von militanten Tierschützern bedroht worden. Eine nicht verifizierbare Behauptung, die unter dem Schlagwort „Gesichtswahrung“ gebucht werden könnte.

Höchstens ein Etappensieg

Ende gut, alles gut? Für Markus Schmitz-Bongard, den Vorsitzenden des Tierschutzvereins Kall und Umgebung, der den Widerstand organisiert hatte, ist die überraschende Wendung, die dieser Fall genommen hat, zunächst einmal ein großer Erfolg. Doch er kann allenfalls als Etappensieg verbucht werden. Denn der Mann weiß: Wenn die Jäger den Füchsen (in großem Stil) an den Pelz wollen, werden sie es künftig eher im Stillen und Geheimen tun und so etwas nicht mehr vorab an die große Glocke hängen. Deshalb sei und bleibe eine entsprechende Novellierung des Landesjagdgesetzes das erklärte Ziel. Dafür streiten übriges auch Tierschützer in anderen Bundesländern.

Derzeit ist die Fuchsjagd ganzjährig erlaubt. Und das gilt auch für Welpen. Ob klein, ob groß, Feuer frei! Tollwut und Fuchsbandwurm werden als Gründe gebetsmühlenartig angeführt. Aber auch das Niederwildes wie Hase und Rebhuhn, das es vor Dezimierung durch den Räuber zu schützen gelte, muss dafür herhalten. Aber das ist fadenscheinig. In diesem Zusammenhang sei ein interessanter Beitrag des NDR-Nordmagazins empfohlen. Die dort gestellte Frage, ob die Fuchsjagd noch zeitgemäß sein, darf eindeutig mit „Nein“ beantwortet werden:

Da ist man im klitzekleinen Großherzogtum Luxemburg schon ein Stück weiter. Die Regierung hat die Jagd auf Füchse unlängst komplett verboten, weil sie darin keinerlei Notwendigkeit sieht. Die Regelung gilt zunächst für ein Jahr. Dann wird man ja sehen, ob der von der Waidmannschaft prophezeite Gau, der sich in einer explosionsartigen Vermehrung der Rotröcke manifestieren soll, tatsächlich eintritt. Eher wohl nicht.

Camille Gira, Staatssekretär im Luxemburger Ministerium für nachhaltige Entwicklung und Infrastruktur Luxemburgs, hat eine interessante Begründung für die Kabinetts-Initiative geliefert: „Leitlinie der Regierung sei es, eine andere Umgangsweise mit Tieren zu fördern, die einer aufgeklärten Gesellschaft im 21. Jahrhundert gerecht wird“. Daran gemessen leben wir in Hessen und in Deutschland ja noch in der Steinzeit. Gira weiter: „Wir Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen, die Gefühle haben und Schmerz empfinden“.
Post Scriptum: Von Theodor Heuss, dem ersten deutschen Bundespräsidenten, stammt dieser Satz: „Die Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit." Jagd, so befand er, sei ist nur eine feige Umschreibung für besonders feigen Mord am chancenlosen Mitgeschöpf.

Weiterführende Links



Füchse sind faszinierende, anmutige Tiere mit einem ausgeprägten, komplexen Sozialleben. Und anders, als es uns die Jäger weismachen wollen, stiften sie in der Natur mehr Nutzen als Schaden und sind für das ökologische Gleichgewicht von großer Bedeutung. Füchse erfüllen eine wichtige Rolle als Gesundheitspolizei: Sie fangen hauptsächlich Mäuse – zum Nutzen der Landwirtschaft -, vertilgen Aas, erbeuten meist kranke oder verletzte Tiere und tragen somit zur Gesunderhaltung der Tierpopulationen bei. Dag Frommholds informative Seite www.fuechse.info ist eine faktenreiche Fundgrube für alle, die sich für das Thema interessieren.

Dass die Jagd nicht nur auf diese Tiere absolut keinen Sinn macht, sondern es, von ethischen und moralischen Vorbehalten einmal ganz abgesehen, für das abgebliche Waidwerk in Gänze keinerlei wissenschaftliche Rechtfertigung gibt, ist hier nachzulesen: Fakten gegen die Jagd