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Jagd kann Wildschweine nicht regulieren

Wenn hoher Jagddruck herrscht,

ist die Fruchtbarkeit bei Wildschweinen wesentlich höher als in Gebieten, in denen kaum gejagt wird. · Bild: shocky - Fotolia.com

Jägerlatein lehrt: Wildschweine müssen massiv bejagt werden. Die Realität zeigt: Je mehr Wildschweine geschossen werden, desto stärker vermehren sie sich. Jedes Jahr aufs Neue werden Argumente aus dem Bereich des Jägerlateins medienwirksam verbreitet, um Stimmung für die Jagd und gegen unsere heimischen Wildtiere zu machen. Was sagen dazu Wissenschaftler, Biologen und Berufsjäger?

Um ihr blutiges Hobby zu rechtfertigen, behaupten die Jäger, sie müssten Tierbestände durch Abschuss »regulieren«. Ohne Jagd würde es zu einer »Wildschweinschwemme« kommen.

Jägerlatein am Ende:

"Die Sauen vermehren sich unaufhaltsam weiter"

Dass Jagd die Zahl der Wildschweine nicht nachhaltig regulieren kann, gibt Deutschlands größte Jagdzeitschrift längst offen zu: »Sind die Jäger überhaupt in der Lage, die Schwarzkittel dauerhaft zu regulieren?«, fragt WILD UND HUND und gibt auch gleich die Antwort: »Insgesamt haben jedoch alle Bemühungen der vergangenen Jahre keinen Erfolg gebracht. Die Sauen vermehren sich unaufhaltsam weiter.«

Bis Ende der 1980er-Jahre belief sich die gesamteuropäische Schwarzwildstrecke auf 550.000 Stück. Im Jagdjahr 2014/15 wurden alleine in Deutschland 520.623 Wildschweine erlegt. »Angesichts dieser Zahlen wird klar, dass wir die Sauen mit jagdlichen Mitteln offenbar nicht mehr nachhaltig regulieren können«, heißt es in WILD UND HUND 9/2014. Deutlicher könnte das Eingeständnis der Jäger nicht sein: Jagd kann Wildschweine nicht regulieren. Das Gegenteil ist der Fall: Jagd führt zur unkontrollierten Vermehrung von Wildschweinen.

Trotz Steigerung der Abschussmenge von unter 150.000 auf über 500.000 Wildschweinen nimmt deren Bestand in Deutschland weiter zu!

Obwohl so viele Wildschweine geschossen werden wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen in den 1930er Jahren, steigt die Anzahl der Wildschweine weiter.
Das beweist: Die Jagd reguliert nicht. Im Gegenteil: Sie schadet.

Der renommierte Zoologe und Ökologe Prof. Dr. Josef H. Reichholf, der an der Technischen Universität und der Ludwig-Maximilians-Universität München lehrte und Leiter der Abteilung Wirbeltiere der Zoologischen Staatssammlung München war, stellt fest: »Jagd reguliert nicht. Sie schafft überhöhte und unterdrückte Bestände.«
Vortrag Prof. Dr. Reichholf am 15.10.2013 an der Uni Basel · www.jagdreguliertnicht.ch

Maisanbau und Kirrung:

Welchen Einfluss hat das Nahrungsangebot?

Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass der verstärkte Energie-Maisanbau zur Vermehrung der Wildschweine beitrage. Gerade Mais fördert mit seinem besonders hohen Anteil an Stärke nachweislich die Fruchtbarkeit von Wildschweinen.

Wurde in Deutschland 1960 auf 56.000 Hektar Mais angebaut, waren es im Jahr 2013 ganze 2,5 Millionen Hektar. Beim großflächigen Maisanbau heute geht es weniger um die Produktion von Lebensmitteln, sondern um die Nutzung von Landwirtschaftsflächen im großindustriellen Stil zur Energiegewinnung. Würde man landwirtschaftliche EU-Fördermittel anders verteilen, so dass auch Wildtiere noch einen Lebensraum erhalten, wäre das scheinbare Problem der Schäden schnell zu lösen... Übrigens wird statistisch gesehen weniger als 1 Prozent Feldmaiskörneranbau von Wildschweinen konsumiert. Wildschäden auf Maisfeldern sind vor allem Trampelschäden.

Wildschweinvermehrung »hausgemacht«

Doch während der Mais auf den Feldern nur wenige Monate im Jahr zur Verfügung steht, karren die Jäger ganzjährig große Mengen Mais als »Kirrungen« (Anlockfütterungen) in den Wald. Der Kirrmais steht auch in der für das Reproduktionsgeschehen wichtigen Rauschzeit von November bis Januar zur Verfügung. Untersuchungen der Forschungs­anstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft RLP weisen darauf hin, dass die zusätzliche Fütterung gerade bei Frischlingsbachen die Geschlechtsreife von 30 auf 70 Prozent erhöhe, was wegen ihres hohen Anteils in der Population den Gesamtzuwachs der Population entscheidend
beeinflusse. (Landwirtschaftliches Wochenblatt 43/2012)

»Die enormen Wildschweinbestände sind zum großen Teil ein hausgemachtes Problem«, sagt Elisabeth Emmert, Vorsitzende des Ökologischen Jagdverbands. Die Ausbreitung des Schwarzwilds sei den Jagdpächtern lange willkommen gewesen. Große Mengen an Futter seien über Jahrzehnte in die Wälder gebracht worden. »Wenn man immer viele Schweine zum Schießen hat, ist das natürlich etwas Schönes.« (in: DIE ZEIT 13/2009)

Französische Studie:

Mehr Jagd führt zur Vermehrung der Wildschweine

Seit Jahren ist in allen Zeitungen von einer »Wildschweinschwemme«, gar einer »Wildschweinplage« zu lesen. Doch obwohl in Deutschland Jahr für Jahr mehr Wildschweine geschossen werden, steigt ihre Anzahl weiter.
Ist die Lösung des »Wildschweinproblems«, noch mehr Tiere zu schießen? Oder ist gerade die intensive Jagd auf Wildschweine das Problem? Denn so paradox es klingen mag: Je mehr Jagd auf Wildschweine gemacht wird, um so stärker vermehren sie sich. Auf diesen Zusammenhang weisen immer mehr Wissenschaftler hin. Eine französische Langzeitstudie kommt zu dem Ergebnis: Starke Bejagung führt zu einer deutlich höheren Fortpflanzung und stimuliert die Fruchtbarkeit bei Wildschweinen.

Die Wissenschaftler um Sabrina Servanty verglichen in einem Zeitraum von 22 Jahren die Vermehrung von Wildschweinen in einem Waldgebiet, in dem sehr intensiv gejagt wird, mit einem wenig bejagten Gebiet. Das Ergebnis: Wenn hoher Jagddruck herrscht, ist die Fruchtbarkeit bei Wildschweinen wesentlich höher als in Gebieten, in denen kaum gejagt wird.

Weiterhin tritt bei intensiver Bejagung die Geschlechtsreife deutlich früher - vor Ende des ersten Lebensjahres - ein, so dass bereits Frischlingsbachen trächtig werden. In Gebieten, in denen wenig Jäger unterwegs sind, ist die Vermehrung der Wildschweine deutlich geringer, die Geschlechtsreife bei den Bachen tritt später und erst bei einem höheren Durchschnittsgewicht ein. (Servanty et alii, Journal of Animal Ecology, 2009)
Mit dieser Studie ist bewiesen, dass die starke Vermehrung bei Wildschweinen nicht nur vom Futterangebot abhängt, sondern auch von der intensiven Bejagung.

Bild: www.abschaffung-der-jagd.de

Wildschweinschwemme "hausgemacht"

Die Natur hatte eigentlich alles hervorragend geregelt: Erfahrene weibliche Wildschweine - die Leitbachen - sorgen für die Ordnung in der Rotte und für Geburtenkontrolle. Die Hormone der Leitbachen bestimmen die Empfängnisbereitschaft aller Weibchen der Gruppe und verhindern, dass zu junge Tiere befruchtet werden. Fehlen die Leitbachen, weil sie bei der Jagd getötet wurden, löst sich die Ordnung auf. Die Sozialstruktur ist zerstört, die Tiere vermehren sich unkontrolliert.

Norbert Happ, der bekannteste deutsche Wildschweinkenner - selber Jäger - prangere schon vor Jahren an an: »Die Nachwuchsschwemme ist hausgemacht«. Für die explosionsartige Vermehrung der Wildschweine seien die Jäger selbst verantwortlich: »Ungeordnete Sozialverhältnisse im Schwarzwildbestand mit unkoordiniertem Frischen und Rauschen und unkontrollierbarer Kindervermehrung sind ausschließlich der Jagdausübung anzulasten«, so Happ. (Jägerzeitung »Wild und Hund«, 23/2002)

Wildmeister Gerold Wandel kritisiert: »Jetzt werden die Sauen wirklich wehrhaft! Sie wehren sich mit einer unglaublichen Zuwachsdynamik gegen den falschen, asozialen Abschuss in den Altersklassen... Diese Fehlabschüsse führen bekanntlich zur unbehinderten Vermehrung des Schwarzwildes. Wollen wir wirklich die Vermehrung noch stoppen, dann müsste unter anderem für drei Jahre der Abschuss der Keiler und großen Bachen untersagt werden. Das wäre dann ein realer Schutz der wichtigsten Leitbachen, sie würden wieder eine soziale Ordnung in den Wildbestand bringen. Aber hat die Jagd noch die Kraft, wildbiologische Erkenntnisse durchzusetzen - oder lässt sie sich in die Schädlingsbekämpfung treiben?« (Jagdzeitschrift PIRSCH 1/2004)

Helmut Hilpisch, Berufsjäger in Diensten der Hövel’schen Rentei, sieht Fehler in der Jagd und Politik: Wildschweine regulieren ihren Bestand selbst - zumindest dann, wenn sie in intaken Familien­verbänden unterwegs sind. Dann sorgt ihr Sozialverhalten dafür, dass nur einzelne weibliche Tiere rauschig werden: Lediglich die älteren Bachen werden dann befruchtet. Fehlen diese älteren Bachen, werden auch jüngere weibliche Tiere schnell trächtig. Mit anderen Worten: Statt zweier alter Tiere werden fünf junge zum Muttertier von noch mehr Frischlingen. (Siegener Zeitung, 18.10.2008)

Bild: www.abschaffung-der-jagd.de

Warum jagen Jäger wirklich?

»Warum jagen wir?« - Diese Frage stellte die Jagdzeitschrift WILD UND HUND im Editorial 22/2012. Die Antwort: Einige Jäger würden die Jagd als Kick beschreiben, andere von großer innerer Zufriedenheit sprechen. »Die Gefühle bei der Jagd sind ebenso subjektiv wie in der Liebe«, erklärt die Redakteurin Silke Böhm. »Warum genießen wir sie nicht einfach, ohne sie ständig rechtfertigen zu wollen?«
Doch der Tod, der mit dem Beutemachen der Jäger verbunden ist, sei in der Öffentlichkeit verpönt. »Deswegen suchen die Jäger Begründungen in Be­griffen wie Nachhaltigkeit, Hege und Naturschutz.« Die Jägerin steht zur Lust am Jagen: »Weshalb die Freude leugnen, die uns so gut tut ... Jagen ist etwas zutiefst Menschliches.«

Der Jäger und Rechtsanwalt Dr. Florian Asche gibt in seinem Buch »Jagen, Sex und Tiere essen: Die Lust am Archaischen« (Neumann-Neudamm, 2012) offen zu:
»Wir jagen nicht, um das ökologische Gleichgewicht herzustellen. Zumindest ist das nicht das auslösende Motiv unserer Anstrengungen. Es ist nur eine Rechtfertigung für unsere Triebe und Wünsche, die viel tiefer gehen als die Erfordernisse der Wildschadensvermeidung und des ökologischen Gleichgewichts... Auf die Jagd gehen wir, weil sie uns Genuss und Lust bereitet.«

Der Jäger und Journalist Eckhard Fuhr widmete der Frage, warum er jage, einen Artikel in der ZEIT (48/2010):
»Und natürlich, ich gebe es zu, Jagd ist aufregend. ...Wenn das tote Reh dann gefunden ist, stellt sich ein unvergleichliches Gefühl innerer Zufriedenheit ein. Doch, vergleichbar ist es: Nach erfolgreicher Jagd fühlt man sich wie nach gutem Sex…«
Wenn es ihm nur um Erholung in der Natur ginge, würde er Golf spielen. »Jagen dagegen ist Sinn schlechthin. Jagen ist keine Neben-, sondern eine Hauptsache. Ich jage, also bin ich.«

Paul Parin, Neurologe, Psychoanalytiker und selbst Jäger schrieb in »Die Leidenschaft des Jägers« (Hamburg, 2003) ungeschminkt über die Leidenschaft, die Passion, das Jagdfieber: »Seit meinen ersten Jagdabenteuern weiß ich: Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen bis zum Mord und für sexuelle Lust, wann und wo immer gejagt wird. ...Die wirkliche Jagd ist ohne vorsätzliche Tötung nicht zu haben. Leidenschaftlich Jagende wollen töten. Jagd ohne Mord ist ein Begriff, der sich selbst aufhebt... Und weil es sich um Leidenschaft, Gier, Wollust handelt - um ein Fieber eben - geht es in diesem Buch um sex and crime, um Lust und Verbrechen jeder Art, um Mord und Lustmord.«

Bild: www.abschaffung-der-jagd.de

Jagd - ein Relikt aus der Steinzeit?

Leider nicht, denn sonst wäre dieses blutige Hobby weitgehend frei von ideologischen Prägungen und wohl schon lange ausgestorben. In Deutschland ist die Jagd ein Relikt aus der Nazi-Zeit. Denn das Bundesjagdgesetz geht in seinen Grundzügen bis heute auf das Reichsjagdgesetz von 1934 zurück - erlassen von Hermann Göring, Hitlers Reichsjägermeister.

Reichsjägermeister Göring

gründete ein Institut für Jagdkunde, "um den triebhaften Neigungen des wehrhaften deutschen Mannes Folge zu leisten". (Originalzitat: Gründungsdekret von 1936) Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1979-145-04A / CC-BY-SA Hermann Göring auf der Jagd

Das Reichsjagdgesetz wurde von Jägern entworfen und von Reichs­jägermeister Hermann Göring durchgesetzt. Die heute noch vorgeschriebene Trophäenschau, die mit der Bezeichnung »Hegeschau« verbrämt wird, stammt aus dem Reichsjagdgesetz. Damals mästeten die Jäger, allen voran Göring und Nazi-Größen wie Ulrich Scherping oder Walter Frevert, das Wild, um möglichst große Trophäen zu erzielen. Einige dieser Trophäen sind bis heute im Deutschen Jagdmuseum in München als besondere Stücke ausgestellt und werden von Jägern bewundert. Und: Für Jäger sind Walter Frevert oder Ulrich Scherping immer noch hoch geschätzte Waidmänner. Freverts Bücher über »Jagdliches Brauchtum« stehen heute noch in den Regalen vieler Hobbyjäger. Ulrich Scherping, der Vater des Reichsjagdgesetzes, diente nach dem Krieg bis zu seinem Tod der Nachfolgeorganisation der Deutschen Jägerschaft, dem DJV, als Geschäftsführer.

In der Bundesrepublik traten zwischen 1949 und 1950 Landesjagdgesetze in Kraft, die in ihren Grundzügen wesentlich dem Reichsjagdgesetz der Nationalsozialisten entsprachen. Die Jagdgesetze wurden danach zwar immer wieder etwas reformiert, z.B. der Katalog der jagdbaren Arten oder die Jagdzeiten, doch das jagdliche Brauchtum, die Trophäenorientierung und das Reviersystem wurden nicht einmal ansatzweise verändert. So hat der Zwang, alle Grundflächen des Landes bejagen zu müssen, seine Wurzeln im Reichsjagdgesetz. Und wie zur Zeit des Reichsjagdgesetzes sind noch heute alle Grundstückseigentümer automatisch Zwangsmitglied in einer Jagdgenossenschaft.

Aus einer Jagdzeitschrift von heute:

Kapitale Geweihe werden heute noch in "Trophäenschauen" nach festgelegten Kriterien bewertet und prämiert. "Ein wichtiger Grund hierfür ist sicherlich der seit Reichsjägermeister Göring verbreitete Kult um die Trophäen (dt. Siegeszeichen)." (Dag Frommhold: Informationen zur Jagd) Bild aus: Unsere Jagd 9/2001

Zwangsbejagung verstößt gegen Menschenrechte

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte fällte am 26.6.2012 ein eindeutiges Urteil gegen die Bundesrepublik Deutschland: Es ist nicht mit dem in der Menschenrechtskonvention garantierten Schutz des Eigentums zu vereinbaren, wenn Grundstückseigentümer zwangsweise Mitglied in einer Jagdgenossenschaft sind und damit die Jagd auf ihrem Grund und Boden gegen ihren Willen dulden müssen. Nach diesem Urteil war die Bundesrepublik Deutschland gezwungen, die Jagdgesetzgebung zu ändern. Seither können Grundeigentümer einen Antrag stellen, dass ihre Flächen jagdrechtlich befriedet werden. So gibt es immer mehr offiziell jagdfreie Grundstücke.

Wildtiere brauchen Ruhezonen

Unmissverständlich erklärte der renommierte Zoologe und Ökologe Prof. Dr. Josef Reichholf im Bayerischen Fernsehen, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs sei längst überfällig:
»Für das Wild ist das Urteil gut, weil es da und dort Ruhezonen schafft, die das Wild bei uns dringend braucht.«
Ruhezonen könnten Wildschäden vermindern: »Weniger Jagddruck, mehr Ruhezone bedeutet für das Wild weniger Energieausgabe. Also muss es weniger Nahrung zu sich nehmen, weil es weniger herumwandern muss.« (BR »Unser Land«, 16.11.2012)

Jagd kann Wildschweine nicht regulieren
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