Freiheit für Tiere
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Sind Tiere Persönlichkeiten?

Es gibt weit mehr Eigenschaften

und Verhaltensweisen, die uns Menschen mit den Tieren verbinden als solche, die uns von ihnen trennen. Bild: margouillat Fotolia

Von Julia Brunke

Die moderne Wissenschaft weist in immer neuen Studien darauf hin, dass viele Tiere logisch denken und kreative Ideen entwickeln, dass sie eine Vorstellung von Raum und Zeit haben, dass sie wie wir Beziehungen und Freundschaften eingehen, dass sie Liebe und Trauer empfinden, ja sogar Fairness, Mitgefühl und moralisches Verhalten zeigen. Und manche Tierarten verfügen offensichtlich über Selbstbewusstsein. Hierzu hat der Meeresbiologe und Verhaltensforscher Karsten Brensing ein viel beachtetes Buch geschrieben: „Persönlichkeitsrechte für Tiere – Die nächste Stufe der moralischen Evolution.“

An den Anfang seines Buches stellt Karsten Brensing die Frage: „Was genau unterscheidet uns vom Tier?“ Schließlich sind wir Menschen aus biologischer Sicht Säugetiere. Doch der Biologe und Verhaltensforscher macht von Anfang an klar: „Ich will auch nicht behaupten, dass wir uns nicht von den Tieren unterscheiden. Nein, ich möchte eher versuchen, in einigen Tierarten Fähigkeiten aufzuspüren, die wir bis vor Kurzem nur unserer Art zugetraut haben.“

Vor 100 Jahren war der Werkzeuggebrauch von Schimpansen eine Sensation. Heute wissen wir, dass viele Tierarten Werkzeuge gebrauchen und herstellen. Bis vor wenigen Jahren waren sich die Biologen einig, Selbstbewusstsein gibt es außer bei uns nur bei den Menschenaffen. Das »Spiegel-Experiment« belegt Selbstbewusstsein. Inzwischen haben den Spiegeltest auch Elefanten, Delfine und Papageien bestanden. Auch Schweine und einige Hunde zeigten in Experimenten Verständnis für die Wirkweise des Spiegels. „Das Experiment untergräbt einfach nur unser Alleinstellungsmerkmal als Mensch gegenüber den anderen Mitbewohnern auf ‚unserer’ Erde“, so Brensing.

Bild: kristian sekulic - fotolia.com

"Menschliche" Verhaltensweisen in der Tierwelt

Längst gibt es aus der Biologie viele Beispiele, bei denen sich Tiere uneigennützig verhalten, was die Biologen Altruismus nennen. Warum hilft zum Beispiel ein Delfin einem ertrinkenden Menschen? In Neuseeland wurde beobachtet, wie ein Delfin zwei Walen, die sich im Flachwasser verirrt hatten, den Weg aus der Falle wies. Offenbar haben Delfine ein artübergreifendes Hilfeverhalten und ein Verständnis des Konzeptes einer Notsituation. „Interessanterweise gilt das auch umgekehrt“, schreibt Brensing: „So überraschte am 11. Januar 2013 ein Delfin eine Gruppe von Tauchern vor Hawaii. Das Tier hatte eine verhedderte Angelsehne mit Haken an seiner Seitenflosse und präsentierte sein Problem den überraschten Besuchern der Unterwasserwelt. Nach kurzem Zögern agierten diese beherzt und versuchten die Angelsehne zu entfernen. Als dies nicht so einfach funktionierte, akzeptierte der Delfin sogar ein gezücktes Messer. Glücklicherweise wurde die gesamte Situation gefilmt, und so gibt es keinen Zweifel daran, dass der wild lebende Delfin die Menschen eindeutig um Hilfe gebeten hat.“

Es gibt weit mehr Eigenschaften und Verhaltensweisen, die uns Menschen mit den Tieren verbinden als solche, die uns von ihnen trennen. Mit großem Sachverstand, unterhaltsam, fesselnd und gleichzeitig bewegend stellt Karsten Brensing aktuelle Forschungsergebnisse vor, zu Fragen wie: Haben Tiere Bewusstsein? Verfügen Tiere über Intelligenz? Sind Tiere soziale Wesen? Leben sie in ihrer eigenen Kultur? Haben Tiere „menschliche“ Gefühle wie Liebe oder Trauer? Zeigen Tiere Mitgefühl? Können sie sich in andere hineinversetzen? Zeigen sie Fairness und Moral?

Menschen, die Tiere lieben und mit ihnen zusammenleben, werden diese Fragen aus ihrer eigenen Beobachtung mit „Ja“ beantworten: Natürlich hat mein Hund, mein Pferd oder meine Katze Bewusstsein, ist intelligent, mitfühlend und kann mit mir kommunizieren – und ist definitiv eine Persönlichkeit, die sich von anderen Hunden, Pferden oder Katzen unterscheidet.

Inzwischen hat auch die wissenschaftliche Forschung diese Fragen für viele Tiere mit „Ja“ beantwortet – und es ist Karsten Brensings erfrischendem Schreibstil zu verdanken, dass dem Leser der neueste Forschungsstand allgemeinverständlich und wirklich interessant vorgestellt wird. Und der führt zu dem Schluss: „In den grundlegenden Fähigkeiten, die uns Menschen zu Personen machen, stehen uns somit eine ganze Reihe von Tieren in nichts nach“, so der Verhaltensforscher. Das Denken und Fühlen von uns Menschen ist mit dem Denken und Fühlen von Tieren zutiefst verwandt.

Wenn Tiere Persönlichkeiten sind -

Stehen ihnen dann nicht auch Rechte von Personen zu?

Nun ist diese Tatsache mit Konsequenzen verbunden. Denn: Wenn viele Tiere offensichtlich alle Merkmale von Personen aufweisen, müssten wir dann nicht auch bei diesen Tieren von Personen sprechen? Personen haben bekanntlich Rechte. Und so stellt Karsten Brensing an uns alle die entscheidende Frage: „Sind Sie bereit, ‚tierischen Personen’ ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zuzusprechen? Sollen diese ‚Personen’ Schutz vor Folter und Qual genießen, ein Recht auf Freiheit, Eigentum und Sicherheit der Person und ein Recht auf Privatsphäre haben?“

Das Buch „Persönlichkeitsrechte für Tiere“ stellt den Umgang unserer Gesellschaft mit Tieren zutiefst in Frage. Es wirft zahlreiche politische, juristische und ethische Fragen auf. Als ethische Frage betrifft es vor allem auch jeden Einzelnen, die eigene Moral, das eigene Gerechtigkeitsempfinden: Wenn ich anerkenne, dass Tiere Persönlichkeiten sind, habe ich die ethisch-moralische Verpflichtung, mich auch entsprechend zu verhalten und zu handeln.

„Ich wünsche mir, dass dieses Buch einen Prozess anregt, an dessen Ende wir Menschen endlich bereit sind, den Planeten mit anderen vernunftbegabten, selbstbestimmten und mitfühlenden Lebewesen zu teilen, anstatt sie zu verdrängen und auszurotten“, schreibt der Schauspieler und Tierschützer Hannes Jaenicke im seinem Vorwort.

Der große Unterschied

»Der große Unterschied zwischen uns und den Tieren ist, dass wir dazu in der Lage sind, unseren Verstand über unsere Verlustangst zu stellen. Daher akzeptieren wir heute den Verlust an Lebensqualität, um morgen die Katastrophe zu verhindern. Wir haben unsere Autos abgeschafft und fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Wir heizen unsere Häuser nur noch mit regenerativer Energie. Wir wissen, dass unser gigantischer Fleischverbrauch katastrophale Auswirkungen auf das Klima hat und sind daher alle Vegetarier. Es gibt keinen Müll mehr, weil wir nachhaltig wirtschaften und auf Verpackung verzichten. Kein begrenzter tierischer Verstand wäre mit solch einschneidenden Maßnahmen einverstanden. ... Nur gut, dass unser hoch entwickelter menschlicher Verstand keine Probleme hat, Erkenntnisse der Wissenschaft zu verarbeiten und sein Handeln danach zu richten...«
Karsten Brensing: Persönlichkeitsrechte für Tiere, S. 144

Das Buch

Verhaltensstudien und moderne Erkenntnisse aus der Gehirnforschung sprechen dafür, dass nicht nur wir Menschen, sondern auch viele Tierarten die Charakteristika von Personen erfüllen. Der Meeresbiologe und Verhaltensforscher Dr. Karsten Brensing fordert in seinem neu erschienenen Buch zum Umdenken auf: Persönlichkeitsrechte sollten auch den Tieren zustehen - als die nächste Stufe der moralischen Evolution.

In den vergangenen Jahren ließen wissenschaftliche Untersuchungen die Differenz zwischen Mensch und Tier schwinden. War der Werkzeuggebrauch von Schimpansen vor 100 Jahren eine Sensation, so staunen wir heute über Zeichen von Fairness und Moral im Tierreich. Wir beginnen zu verstehen, dass einige Arten Selbstbewusstsein haben und darüber hinaus auch das Selbstbewusstsein anderer erkennen. Wir entdecken Kultur, Mitgefühl, Verstand, Denken und strategische Planung. Und wir erkennen, dass unsere Gehirne ein Instrument der sozialen Interaktion sind und dass wir dies mit vielen anderen hochentwickelten Tieren gemeinsam haben.

»Was fehlt, sind die Schlüsse, die wir daraus ziehen müssen. Wenn uns einige hochentwickelte Tiere in den Charakteristika einer Person in nichts nachstehen, müssen ihnen konsequenterweise auch gleiche Rechte zugestanden werden«, folgert Karsten Brensing. »Bei einigen Tierarten handelt es sich zweifelsfrei um mitfühlende, selbstbewusste Individuen mit einer Vorstellung von Raum und Zeit und der Fähigkeit zu strategischem Denken und Handeln. Sie leben in ihrer eigenen Kultur, haben ein gutes Gedächtnis und vermutlich die Fähigkeit, im Rahmen einer einfachen Grammatik miteinander zu kommunizieren. Sie nutzen Werkzeuge und scheinen so etwas wie einen guten Geschmack oder ein Bewusstsein für Mode zu haben. Darüber hinaus können sie sich empathisch verhalten, und es wurden einfache Formen von Gerechtigkeitssinn und Fairness entdeckt. In den grundlegenden Fähigkeiten, die uns Menschen zu Personen machen, steht uns somit eine ganze Reihe von Tieren in nichts nach. Die Frage ist: Berechtigen diese Fähigkeiten zu einer Sonderstellung? Und was genau gibt uns das Recht, eine Sonderstellung einnehmen zu wollen?«

Wie menschliche Personen haben tierische Personen ein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit. Aber Karsten Brensing geht noch weiter: Die Erkenntnisse über die Persönlichkeit von Tieren sollen unsere Moralvorstellung und unser Handeln mitbestimmen. So wäre das Leben vieler Arten gesichert und der Mensch auf der nächsten Stufe der moralischen Evolution angekommen.

»Karsten Brensings Buch ist spannend, lehrreich, optimistisch - und überaus unterhaltsam«, schreibt Schauspieler und Tierschützer Hannes Jaenicke in seinem Vorwort.

Karsten Brensing: Persönlichkeitsrechte für Tiere
239 Seiten · Gebunden mit Schutzumschlag
Herder-Verlag, 2013 · ISBN 978-3-451-30513-9
Preis: 17,99 Euro

Der Autor

Dr. Karsten Brensing ist Meeresbiologe und Verhaltensforscher und hat an der FU Berlin über die Interaktion zwischen Delfinen und Menschen promoviert und Forschungsprojekte in Florida und Israel geleitet. Seit 2005 arbeitet er für die internationale Wal- und Delfinschutzorganisation WDC.

Informationen: www.walrecht.de

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