Freiheit für Tiere
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Tiere fühlen ähnlich wie wir

Buchtipp: Die verborgene Seele der Kühe

Über das Seelenleben von Rindern, Schweinen,

Hühnern und Schafen

Bild: Dudarev Mikhail - Fotolia.com

Buchvorstellung von Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«

»Neugierig, intelligent, selbstbewusst, Musik liebend« - wer ahnt schon, dass mit dieser Charakterisierung ein Schwein gemeint ist? Wer weiß, dass Mutterkühe in Schwermut verfallen können, wenn man ihnen die Kälbchen wegnimmt? Und dass Hühner Sinn für Humor haben? Jeffrey M. Mason, einer der renommiertesten Verhaltensforscher unserer Zeit, zeigt in seinem Buch »Die verborgene Seele der Kühe«, wie komplex das Seelenleben unserer so genannten »Nutz«tiere ist, die wir völlig zu Unrecht für dumm und gefühllos halten.

Das Wissen, dass Tiere Gefühle haben, die unseren sehr ähnlich sind, ist im Mainstream angekommen.

Jahrhundertelang wurden Tieren Gefühle oder gar die Seele abgesprochen. In den letzten Jahren und Jahrzehnten kommen immer mehr Verhaltensforscher zu dem Ergebnis: Tiere haben Gefühle - und diese Gefühle sind den Gefühlen von Menschen sogar sehr ähnlich. Dieses Wissen ist längst im Mainstream angekommen: Bestseller wie »Tiere denken« von Richard David Precht, »Die Gefühle der Tiere« und »Das Seelenleben der Tiere« von Peter Wohlleben, »Das Mysterium der Tiere« von Karsten Brensing oder »Die Intelligenz der Tiere« von Carl Safina zeigen, das sich eine breite Leserschaft für diese Themen interessiert.

»Niemals in der Geschichte unseres Planeten haben sich so viele Menschen für das Seelenleben nicht menschlicher Lebewesen interessiert wie heute«, schreibt Jeffrey M. Mason im Vorwort seines Buches. »Die Menschen sind interessierter als je zuvor, das tiefe und oft verborgene Gefühlsleben aller Tiere zu verstehen.«

Je mehr wir über Tiere wissen,

desto mehr stellt sich die Frage,

ob wir sie essen dürfen

Bauernhoftiere wie Kühe, Schweine, Hühner, Enten, Schafe und Ziegen existieren seit Jahrtausenden für den Großteil der Menschen lediglich zum Verzehr. »Für eine überwältigende Mehrheit von Menschen ist es bis heute leichter, die Tötung von Tieren zu rechtfertigen, wenn sie möglichst wenig über sie wissen«, erklärt Jeffrey M. Mason. Je mehr wir über Tiere erfahren, desto schwieriger werde es, sie zu verzehren: »Um den eigenen Fleischkonsum nicht infrage stellen zu müssen, ist es auch von Vorteil, Tieren kein eigenes Gefühlsleben zuzugestehen. Denn wenn Schweine die gleichen Gefühle haben wie Hunde - von denen wir wissen, was für hoch emotionale Tiere sie sind -, wie können wir Schweine dann einfach so schlachten?« Nur wenn wir die emotionalen Fähigkeiten so genannter Nutztiere ausblenden, können wir ihre Schlachtung rechtfertigen.

Der Verhaltensforscher verweist darauf, dass diese Art von Ignoranz in der heutigen Zeit immer schwerer nachzuvollziehen sei, denn inzwischen wüssten die meisten Menschen sehr genau, dass Kühe, Schweine, Hühner, Enten, Schafe und Ziegen die gleichen Gefühle wie Hunde und Katzen haben und dass diese Gefühle auch unseren eigenen Gefühlen stark ähneln. »Deshalb möchte jeder Mensch, dass Tiere ein gutes Leben haben; auch diejenigen, die Fleisch essen«, schreibt Mason.

Das Problem ist: So genannte Nutztiere werden nie ein gutes Leben haben, weil sie nicht ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten werden. »Wie könnte ein Lamm ein gutes Leben gehabt haben, wenn es überhaupt nur ein paar Wochen gelebt hat?«, fragt der Verhaltensforscher. Das gleiche gilt für Schweine, Hühner oder Kühe. »Ähnlich wie ein Mensch kann ein Tier nur dann glücklich sein, wenn es unter Bedingungen lebt, die ihm gestatten, das eigene natürliche Verhalten zum Ausdruck zu bringen und jene Gefühle zu empfinden, die damit einhergehen.«

In der Nutztierhaltung wird ein Tier

nie ein gutes Leben haben

In Deutschland werden jährlich etwa 58 Millionen Schweine geschlachtet. Die Ferkel werden ihren Müttern schon nach drei bis vier Wochen weggenommen. In den ersten Lebenstagen werden die Schwänze abgeschnitten, die Zähne gekappt und die männlichen Tiere kastriert - alles ohne Betäubung. Alles legal. Nach etwa sechs Monaten Mast werden sie in den Tiertransporter verladen, zum Schlachthof gebracht und getötet.

Eine Hochleistungshenne muss bis zu 300 Eier im Jahr legen. Durch künstliche Beleuchtungsprogramme und extreme Überzüchtung wird diese konstant hohe Legeleistung erreicht. Sobald die Legeleistung nach etwa 12 bis 15 Monaten nachlässt, werden die völlig ausgemergelten Hennen geschlachtet. Die männlichen Küken werden gleich nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert - allein in Deutschland sind es etwa 50 Millionen Küken jedes Jahr.

Milchkühe werden einmal im Jahr künstlich befruchtet. Die Kälbchen trennt man kurz nach der Geburt von den Müttern. Die weiblichen Kälbchen werden zu Milchkühen aufgezogen, die männlichen Kälbchen werden 6 Monate lang gemästet, bis sie, ihrem Alter nach noch Kinder, im Schlachthof enden. Doch auch ihre Mütter, die sie nie kennen gelernt haben, werden nicht sehr alt: eine Milchkuh wird durchschnittlich im Alter von vier Jahren geschlachtet.

»Zu Kühen haben wir eine seltsame Beziehung.

Wir trinken ihre Milch. Ihre Haut und ihr Fleisch sind in unserem Leben allgegenwärtig. ... Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - werden Kühe als lebende, atmende Tiere zum großen Teil nicht wahrgenommen«, schreibt Jeffrey M. Masson. · Bild: stefanholm - Fotolia.com

Die verborgene Seele der Kühe

Rinder sind wie wir Menschen gesellige Wesen. Sie leben in einer Herde und gehen auch mit uns Menschen gesellig um. Zwischen den wilden Urahnen und unseren Hausrindern haben im Hinblick auf soziale Organisation, Kommunikationssysteme und Verhaltensweisen wahrscheinlich nur wenige Veränderungen stattgefunden, ist in »Die verborgene Seele der Kühe« zu lesen.

Wie eine Menschenfrau trägt eine Kuh ihr Kind neun Monate und stillt das Neugeborene neun bis zwölf Monate lang. Wenn ein Kälbchen geboren ist, nähern sich alle anderen Kühe einer Herde, um es zu beschnüffeln - als ob sie es kennenlernen wollen. Kühe haben einen äußerst fein entwickelten Geruchssinn. Sie erkennen einander am Geruch und begreifen wahrscheinlich auch, wie eine andere Kuh sich fühlt. Kühe beschützen ihre Kinder und greifen jedes Tier an, das sie bedroht.

Kühe verfügen über ein gutes Gedächtnis. Sie haben ein großes Gehirn mit mehr Falten und Windungen als das eines Hundes - fast so viele wie das des Menschen. Forscher wissen, dass Kühe träumen - auch wenn keiner weiß, was sie träumen. Es gibt noch kaum Forschungsergebnisse, wie Rinder miteinander kommunizieren. Jeffrey M. Masson berichtet in seinem Buch von einer Feldforschung mit halbwilden Rinder in der Camargue: »Kälber verfügen über Signale, um anderen Kälbern mitzuteilen, dass sie gerade ein Spiel beginnen und dass alles, was nach diesem Signal passiert, entsprechend aufgefasst werden soll.«

In der Nutztierhaltung wird das Kalb in den ersten 48 Stunden von der Mutter getrennt, weil ihre Milch kommerziellen Zwecken dient. Die Kuh ruft tagelang nach ihrem Kind, sie trauert und ist verwirrt. »Selbst Bauern wissen: Die Trauer ist umso tiefer, je länger die Kuh ihr Junges gekannt hat, und gerade deshalb entfernen die meisten von ihnen das Kalb fast unmittelbar nach der Geburt«, schreibt der Autor. Es entstehe ein mentaler und psychischer Stress, den vielleicht nur Frauen verstehen könnten, die ihr Kind bei der Geburt verlieren.

Wie eine Menschenfrau trägt eine Kuh ihr Kind neun

Monate lang und stillt das Neugeborene neun bis zwölf Monate lang. · Bild: mubi - Fotolia.com

In der Nutztierhaltung wird das Kalb

innerhalb von 48 Stunden von der Mutter getrennt. · Bild: Grigorenko - Fotolia.com

Ähnlich wie Schafe oder Pferde leiden Kühe still. Forscher vermuten, sie könnten in freier Natur - anders als Menschen oder Hunde - durch Schmerzensrufe keine Hilfe erwarten sondern würden nur die Aufmerksamkeit eines Beutegreifers auf sich ziehen. Ein Tier, das schreit oder hinkt, würde von Raubtieren als leichte Beute erkannt. Deshalb verbergen Kühe (ebenso wie Schafe oder Pferde), wie groß ihre Schmerzen sind. Das heißt natürlich nicht, dass sie keine Schmerzen fühlen!

Eine Hochleistungskuh, die zehn Mal mehr Milch produzieren muss, als ein Kalb saugen würde, leidet unter Euterentzündungen und dem schweren Gewicht des viel zu großen Euters, so dass sie nicht richtig laufen kann und die Hufe sich verformen. Etwa 60 Prozent aller Milchkühe sind inzwischen von Lahmheit betroffen. Eine Kuh, die zögert, einen Huf vor den anderen zu setzen, leidet mit Sicherheit unter quälenden Schmerzen.

Jeffrey M. Masson berichtet von einem Besuch in einem Refugium in Neuseeland, in dem 18 Kühe und drei Bullen auf 28 Hektar ursprünglichem Buschland und saftigen Weiden leben. Er setzte sich mit Jamie und Michelle, die diese Oase betreiben, ins Gras und beobachtete, wie die Kühe, welche bei ihrer Ankunft noch in weiter Ferne grasten, langsam auf sie zukamen. »Als sie sich uns zentimeterweise näherten, begannen sie zu rufen. Diese Geräusche waren zweifellos wichtig - keine Klagen, kein bloßes Artikulieren, wie viele Wissenschaftler sagen würden, sondern ein Kommunizieren. Offenbar hatten sie etwas Bestimmtes im Kopf, und das einzige Problem schien bei uns zu liegen, weil wir nicht verstehen konnten, was in ihnen vorging. Bald hatten die Kühe uns eingekreist und starrten uns an. Sie schienen genauso neugierig auf uns wie wir auf sie.« Mason berichtet, wie ihn die Sanftheit der Tiere berührte und ihm die feinen Augenwimpern auffielen. »Nur sehr wenige Menschen fühlen sich Kühen nahe, doch hier in der Stille der Wiese am Waldrand sitzend, beobachtet von 36 sanften Augen, fragte ich mich, warum das so ist.« Jamie erzählte von der Liebe der Kühe und wie aufmerksame und zärtliche Mütter sie seien. Diesen Kühen wurden die Kälbchen nicht weggenommen und kein Schlachter wartete auf sie. »Sie waren nur da, weil Jamie und Michelle sie einfach sehr gerne um sich hatten. Mit ihnen zusammen im Gras zu sein, umgeben von ihrem tiefen Muhen, ihren feuchten Atem an meinen Händen zu spüren - all das rief in mir ein wunderbares Gefühl von Frieden hervor. Ich hätte den ganzen Tag dort sitzen können. Das von Jamie und Michelle geschaffene Refugium sollte ein Ort der Heilung sein; die Gegenwart der Kühe verstärkte die Empfindung von verlangsamter Zeit, bot die Möglichkeit zu einer anderen, mitfühlenderen Lebensweise, in der heitere Gelassenheit den höchsten Stellenwert hat.« Und er kommt zu dem Schluss, dass es gewiss sinnvoller wäre, anstelle ihres Fleisches die Weisheit der Kühe zu übernehmen.

Schweine sind intelligenter als Hunde,

Schweine sind intelligenter als Hunde, lernen voneinander, haben einen ausgeprägten Spieltrieb und ein vielfältiges Gefühlsleben. Als ausgesprochen soziale Tiere bauen sie freundschaftliche Beziehungen mit Artgenossen auf, aber auch mit anderen Tieren und mit uns Menschen. Sie kennen ihren Namen, wedeln mit dem Schwanz und lieben Streicheleinheiten. Forscher haben gezeigt, dass Schweine Empathie besitzen, sich also in andere Wesen hineinversetzen können. Wie Elefanten, Delfine und Primaten erkennen sich Schweine im Spiegel und haben offensichtlich eine Form von Selbstbewusstsein. · Bild links: Aleksey Sagitov - Fotolia.com

Schweine sind uns ähnlich

Schweine sind uns sehr ähnlich - so sehr, dass Chirurgen Schweine-Organe und Herzklappen in Menschen transplantieren. »Es ist nicht zu leugnen, dass wir Menschen mit Schweinen viel gemeinsam haben, obwohl manche Leute sich sträuben, diese Ähnlichkeiten anzuerkennen. Schweine träumen und können Farben unterscheiden wie wir, und sie sind - wie wir und wie auch Hunde oder Wölfe - gesellige Wesen«, schreibt der Verhaltensforscher. Und er erklärt unmissverständlich: »Wie jeder Mensch ist jedes einzelne Schwein ein Individuum. (Ich kann das gar nicht oft genug über jedes Nutztier sagen, denn wir Menschen neigen einfach dazu, diese wichtige Tatsache zu vergessen - zweifellos deshalb, weil wir meinen, Individualität sei allein uns Menschen vorbehalten.) Einige Schweine sind unabhängig und robust und lassen sich durch nichts aus der Bahn werfen. Andere wiederum sind äußerst empfindlich und versinken viel leichter in Traurigkeit oder gar Depression.«

Schweine leben in stabilen Familienverbänden, angeführt von einem erfahrenen Muttertier. Die Ferkel spielen genauso wie Menschenkinder. In menschlicher Obhut, zum Beispiel auf Gnadenhöfen oder wenn sie als Haustier gehalten werden, spielen sie mit großer Begeisterung mit Spielzeugen. Sie reagieren auch sehr sensibel auf taktile Reize. Wer beispielsweise auf einem Gnadenhof die Gelegenheit hat, ein Schwein zu streicheln, wird erleben, wie sehr das Tier die Berührung sucht und genießt. Eine Streicheleinheit bereitet ihnen größtes Vergnügen, und sie schließen dabei vor Verzückung die Augen.

Eingesperrt in viel zu kleinen Ställen, werden sie lethargisch, lassen sie Ringelschwänze schlaff herunterhängen und eignen sich schnell einen glasigen, dumpfen Blick an. »Wie Kinder entwickeln sich auch Ferkel nicht normal, wenn man sie der Möglichkeit beraubt, unbeschwert zu spielen«, erklärt Jeffrey M. Masson. Und was muss es für eine Muttersau bedeuten, wenn sie ihren Ferkeln vor der Geburt kein Nest bauen kann, weil es kein Stroh gibt, wenn sie eingesperrt ist in einen engen Kastenstand und ihre Kinder, die durch Gitterstäbe hindurch an den Zitzen saugen, nicht versorgen kann?

Wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt, sind Schweine sehr saubere Tiere. Sie legen regelrechte Toiletten an und trennen diese pingelig von ihren Schlaf- und Essensplätzen. Was muss es für diese reinlichen Tiere mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn bedeuten, auf engstem Raum in den eigenen Fäkalien leben zu müssen?

Menschen, die mit Schweinen zusammenleben, berichten von echten freundschaftlichen Beziehungen mit ihnen. »Ähnlich wie Hunde scheinen Schweine eine große Fähigkeit zur Dankbarkeit zu besitzen und merken, ob man sie mag. Offensichtlich sind sie imstande, Gefühle zu erwidern«, so Jeffrey M. Masson. »Schweine kennen ihren Namen und wedeln - wie Hunde - mit dem Schwanz, wenn sie glücklich sind.«

Hausschweine, welche in großen Gehegen in der Natur leben dürfen, nehmen die Lebensweise ihrer wilden Vorfahren, der Wildschweine, an: Sie legen Suhlen an, Wildschweinmütter bauen höhlenartige Nester aus Gräsern, Farnen und Zweigen. Bei den Ebern, welche in freier Natur der Witterung ausgesetzt sind, treten die Hauer und Borsten wieder hervor.

Jeffrey M. Masson berichtet von seinem Besuch im Reservat »Pigs«, in dem Schweine in einer natürlichen Umgebung leben: »Wo immer ich in dem Reservat umherspazierte, begleiteten mich Tiere.« Er bemerkte überrascht, wie neugierig diese Schweine waren. »Ich war gekommen, um sie und ihre Gewohnheiten zu beobachten, aber sie interessierten sich ebenso sehr dafür, mich und meine Gewohnheiten zu beobachten. Sie folgten mir, gingen selbstbewusst auf mich zu, schnupperten an mir und stubsten mich, um herauszufinden, wie ich reagieren würde.« Auch waren sie begierig, den Rücken oder Bauch gekrault zu
bekommen. »In Anbetracht der Tatsache, dass jedes dieser Schweine schon die eine oder andere Art von Misshandlung erlitten hatte, zeugte ihr Verhalten von einer bemerkenswerten Fähigkeit zu verzeihen und zu vergessen.«

Aber Schweine haben auch ein gutes Gedächtnis und erkennen auch sogar nach langer Zeit Menschen wieder, die ihnen Böses oder Gutes getan haben. Laut Stanley Curtis, Professor für Veterinärmedizin an der Pennsylvania State University, können sich Schweine an Menschen erinnern, die sie drei Jahre vorher gesehen haben. Jeffrey M. Masson geht davon aus, dass sich Schweine nicht nur an frühere Erfahrungen, sondern auch die damit verbundenen Gefühle erinnern.

»Viele Leute, die mit Schweinen in Reservaten zusammenleben, haben mir gesagt, dass sie bei diesen jeden Tag eine ganze Reihe von Gefühlen beobachten: Zufriedenheit, Glück, Liebe, Kummer, Angst, Wut, Trauer«, schreibt der Verhaltensforscher.

Offenbar haben Schweine sogar eine Vorstellung vom Tod, ähnlich wie Elefanten. Masson berichtet von einem dreijährigen Schwein, das infolge einer Vergiftung im Sterben lag und dem - um sein Leiden zu lindern - ein Betäubungsmittel gespritzt wurde. Dieses Schwein lebte mit 15 anderen Schweinen zusammen. Nach seinem Tod wurde das Schwein zu einer Grabstätte gezogen. »Seine Artgenossen trotteten neben ihm her bis zum Zaun, wo sie sich in einer Reihe aufstellten und zuschauten, wie ihr Freund ins Erdloch hinabgelassen wurde. Sie machten ein Geräusch, dass nur als seltsames Stöhnen beschrieben werden kann. Für jene Menschen, die zuhörten, klang es so, als würden sie Abschied nehmen.«

Jeffrey M. Masson kommt zu dem Schluss: »Es ist an der Zeit, dass wir uns den Schweinen nicht mehr bloß als Tieren zuwenden, die geschlachtet auf unseren Tisch kommen sollen, sondern als Verwandte, die besondere und ausgeprägte Ähnlichkeiten mit uns haben und nur auf ein Signal warten, dass wir endlich bereit sind, mit ihnen gewissermaßen gleichberechtigt zu koexistieren - damit sie uns dann mit dem ihnen eigenen Überschwang die ganze Bandbreite ihres vielschichtigen Gefühlslebens offenbaren können.«

»Für eine überwältigende Mehrheit von Menschen

ist es bis heute leichter, die Tötung von Tieren zu rechtfertigen, wenn sie möglichst wenig über sie wissen«, erklärt Jeffrey M. Mason. Je mehr wir über Tiere erfahren, desto schwieriger werde es, sie zu verzehren: »Um den eigenen Fleischkonsum nicht infrage stellen zu müssen, ist es auch von Vorteil, Tieren kein eigenes Gefühlsleben zuzugestehen. Denn wenn Schweine die gleichen Gefühle haben wie Hunde - von denen wir wissen, was für hoch emotionale Tiere sie sind -, wie können wir Schweine dann einfach so schlachten?« · Bild: Günter Menzl - Fotolia.com

Hühner

verfügen über komplexe kognitive Fähigkeiten und kommunizieren differenziert miteinander. Die Rufe der Hähne und Hennen oder das Piepsen der Küken übermitteln gezielte Botschaften, auf die andere Hühner reagieren. · Bild: Subbotina Anna - Fotolia.com

Eine Henne kommuniziert sogar mit ihren Küken

im Ei und umgekehrt. Nach dem Schlüpfen kennen die Küken die Stimme ihrer Mutter und folgen ausschließlich ihren Rufen. · Bild: zarg404 - Fotolia.com

Die unterschätzte Intelligenz der Hühner

Zu Beginn seines Kapitels über Hühner berichtet Jeffrey M. Masson von einer Begegnung in einem Tierreservat: »Ein Huhn flog mir in die Arme. Ich wusste nicht einmal, dass Hühner fliegen können - und plötzlich landete eines auf mir. ... Es machte sanfte, seltsame, gurrende Laute, schmiegte sich an mich wie ein glückliches Kätzchen und eroberte mein Herz. Ich sagte mir, dass dies kein gewöhnliches Huhn war. - In Wirklichkeit handelte es sich um ein völlig normales Huhn, das einfach keinen Grund zu der Annahme hatte, dass Menschen hinter ihm her seien. So würden Menschen und Hühner miteinander in Kontakt treten, wenn die einen die anderen nicht ausbeuteten. Ganz ähnlich, wie wir eine Verbindung zu Katzen und Hunden herstellen.«

Hühner sind Vögel, mit allen Eigenschaften, die wir an Vögeln lieben. Und sie können fliegen - wenn man ihnen nicht die Flügel stutzt - und übernachten gerne in Bäumen. Obwohl Vögel keine Hirnrinde (Neocortex) haben, die nach allgemeiner Auffassung die höheren geistigen Fähigkeiten steuert, entdecken Forscher in den letzten Jahren erstaunliche mentale und kognitive Fähigkeiten. Mason zitiert den Biologen Charles Daniel, der sogar so weit geht zu sagen, dass das Gehirn eines Huhns selbst für den fähigsten und optimistischten Neurophysiologen eine Struktur von fast unvorstellbarer Komplexität darstelle.

Hühner sind wie wir Menschen gesellige Wesen, die auf gesellschaftliche Signale reagieren. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das Krähen eines Hahns ganz unterschiedlich ist, je nachdem, ob er eine Henne auf Nahrung aufmerksam machen möchte oder vor einer Gefahr warnt. »Er artikuliert nicht bloß, wie man zuvor dachte, irgendwelche zufälligen Laute, sondern übermittelt eine wesentliche Information. Im Grunde spricht er«, schreibt Mason.

Hähne seien sich genau bewusst, an wen sie ihre Laute richten - und die Wissenschaftler identifizierten eine zunehmend größere Bandbreite verbaler Rufe. »So kann ein Hahn zum Beispiel durch die Art seines Rufs der Henne die Qualität der Nahrung verdeutlichen. Darüber hinaus scheint er zur Täuschung fähig zu sein. Um die Henne, die sich seiner Meinung nach zu weit fortgewagt hat, an seine Seite zurückzulocken, benutzt er einen Nahrungsruf, obwohl keine Nahrung vorhanden ist.« Dies zeugt von komplexen kognitiven Fähigkeiten. Jeder Hahn kann das Krähen von mindestens 30 anderen Hähnen unterscheiden, sind Forscher überzeugt. Die Rufe der Hähne übermittelten Botschaften, wo Nahrung entdeckt wurde, Warnungen, Territorialansprüche, Beunruhigung, Angst, Vergnügen, Frustration, Vorherrschaft, Beschwichtigung, zitiert der Autor Valerie Porter, eine englische Expertin in Sachen Haushuhn.

Eine Henne kommuniziert sogar mit ihren Küken im Ei und umgekehrt: »Noch vor der Geburt ist das Küken imstande, kummervolle oder vergnügte Geräusche zu machen, auf die die Henne reagiert«, schreibt Jeffrey M. Masson. Die Glucke bewege dann ihren Körper auf dem Ei oder beruhige das Küken durch einen sanften Ruf, den es freudig erwidere. »Die Verbindung zwischen der Henne und dem Küken beginnt schon vor der Geburt. Das macht durchaus Sinn, denn es erlaubt uns zu verstehen, warum ein Küken sofort nach der Geburt ausschließlich auf die Rufe seiner Mutter reagiert. Es erkennt nämlich deren Stimme.« Während die Küken hinter ihr herlaufen, vermittelt die Glucke ihnen wesentliche Kenntnisse über die richtige Nahrung. Wissenschaftler zeigten in einem Experiment, dass die Hennen eingreifen, wenn ihre Küken ungenießbare Nahrung vor sich haben und sie in Richtung der essbaren Nahrung stupsen.

Was diese Tatsachen für die Abermillionen Küken bedeuten müssen, die in Brutapparaten ausgebrütet werden, nie ihre Mutter sehen und in industrieller Massenhaltung vegetieren müssen, ist kaum vorstellbar. Jede zielgerichtete Kommunikation werde durch die Mechanismen der Massentierhaltungsbetriebe, in denen das Küken seine Nahrung vom Fließband erhält, zur völligen Bedeutungslosigkeit verurteilt, erklärt der Autor.

Hinzu kommt: Immer mehr zu kommerziellen Zwecken gezüchtete Masthühner sind lahm und leiden unter qualvollen chronischen Schmerzen, weil infolge genetischer Eingriffe das natürliche Wachstum völlig unnatürlich beschleunigt wurde. Ein Küken wächst heute so schnell heran, dass es bereits sieben Wochen nach dem Schlüpfen geschlachtet wird. Als Wissenschaftler diese Zustände anprangerten, wurde ihnen vorgeworfen, sie argumentierten in spekulativer oder, schlimmer noch, anthropozentrischer Weise, schreibt Masson. Doch in einem Experiment, bei dem Hühnern zwei verschiedene Arten Futter angeboten wurde - eines mit einem entzündungs­hemmenden und schmerzstillenden Medikament und eines ohne das Medikament - bevorzugten die lahmen Hühner das Futter mit der Arznei. Damit sei bewiesen worden, dass die Hühner qualvolle Schmerzen haben und sich davon zu befreien suchen, so die Forscher.

Es besteht der weitverbreitete Irrtum, dass Schafe

keine intelligenten Tiere seien. Wissenschaftler belegen längst das Gegenteil. · Bild: Baronb - Fotolia.com

Von wegen "dummes Schaf"!

Es besteht der weitverbreitete Irrtum, dass Schafe keine intelligenten Tiere seien. Wissenschaftler belegen längst das Gegenteil. So hat Dr. Keith Kendrick vom Babraham Institut in Cambridge bewiesen, dass Schafe optische Eindrücke von Gesichtern in ähnlicher Weise verarbeiten wie wir Menschen. Er erklärt: »Schafe benutzen, ähnlich wie wir, komplexe visuelle Hinweise vom Gesicht, um einander und andere vertraute Spezies zu erkennen; sie haben eine ganz ähnliche spezialisierte Gehirnstruktur im Schläfenlappen, die diese wichtige soziale Aufgabe der Wiedererkennung unterstützt. Wir schätzen, dass sie insgesamt zumindest fünfzig verschiedene Individuen wiedererkennen können, obwohl die tatsächliche Ziffer wohl weitaus höher liegt. Außerdem können sie die mit bestimmten Gesichtern verbundenen Eindrücke über mehrere Jahre im Gedächtnis speichern. Folglich gleichen ihre Fähigkeiten, ein Gegenüber zu erkennen und sich dessen zu erinnern, in bemerkenswerter Weise den unseren.« Die Speicherung solcher Eindrücke über mehrere Jahre erfordere komplexe neurale Funktionen und spreche für ein komplexes Gehirn, so Jeffrey M. Masson.

Andere Forscher haben herausgefunden, dass Schafe sich gut konzentrieren können. Und: Schafe reagieren auf ihren Namen genauso aufmerksam wie ein Hund.

Die frühere Auffassung von Wissenschaftlern, dass Schafe Schmerz nicht in der gleichen Weise fühlen könnten wie wir, ist längst überholt. Jeffrey M. Masson berichtet in seinem Buch von einem Gespräch mit John Webster, der weltweit eine führende Autorität auf dem Gebiet der Schmerzphysiologie bei Tieren ist. Webster sagte: »Es gibt klare physiologische Beweise, dass die Intensität der Schmerzempfindung bei Kühen oder Schafen der beim Menschen ähnelt.« Doch vielleicht gewöhnen sich Schafe und andere Tiere besser an den Schmerz als wir und spüren nach einiger Zeit chronischen Schmerz einfach nicht mehr? Professor Webster zufolge ist genau das Gegenteil der Fall: »Chronischer Schmerz verändert die Art und Weise, wie Schmerzsignale im Zentralnervensystem verarbeitet werden, so dass die Empfindung, die von der verletzten Stelle ausgeht, sich noch verstärkt. Sie wird immer schlimmer, von Gewöhnung kann keine Rede sein.« Und: Ähnlich wie Pferde und Kühe leiden Schafe still und zeigen keinen Schmerz.

In diesem Zusammenhang berichtet Masson in seinem Buch von der Praxis neuseeländischer Schafzüchter, die ihre Tiere ohne Betäubung kastrieren, ihnen den Schwanz stutzen und meinen, dass das den Schafen nichts ausmache. Andererseits seien etliche Schafzüchter von der Intelligenz ihrer Tiere überzeugt: Sie erzählten dem Verhaltensforscher, dass es immer wieder besonders kluge Lämmer gebe, die lernen, den Riegel des Gatters zurückzuschieben. Die Schafzüchter befürchten dann, das kluge Lamm könne seinen Artgenossen beibringen, das Gleiche zu tun. »Was machen Sie mit den Schafen, die einen Riegel zurückschieben können?«, fragte Jeffrey M. Masson. Die Antwort: »Wir erschießen sie, damit sie dieses Wissen nicht weitergeben.«

Bewusstseinswandel: Wachsender Trend

zur tierleidfreien Ernährung

Gerade in den letzten Jahren ist ein Wandel in der Einstellung von immer mehr Menschen gegenüber zu beobachten. »Überall auf der Welt haben sich viele Menschen diese Zusammenhänge klargemacht und sich für eine Ernährung, ein Leben ganz ohne tierische Produkte entschieden. Und zwar um der Tiere willen«, schreibt Jeffrey M. Mason. Besonders viel habe sich in Deutschland verändert - mit Berlin als Zentrum des Veganismus. Dieser Trend existiere nicht nur in Deutschland, aber hier sei er besonders stark. Auch andere Länder folgten ihm
zunehmend.

Was ist der Motor dieses Bewusstseinswandels? Der Verhaltensforscher nennt dafür drei Faktoren:

1. Der wichtigste Faktor ist das Leid der Tiere. Den aller­meisten Menschen sei es nicht gleichgültig, wenn Tiere leiden, auch wenn die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen und aktiv etwas dagegen zu tun, stark variiere.

2. Der zweite Faktor ist die eigene Gesundheit. Immer mehr Ärzte und Ernährungswissenschaftler weisen auf die gravierenden gesundheitlichen Risiken durch den Verzehr tierischer Produkte hin - und die Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährung. In der Verbreitung dieses Wissens spielen auch Filme wie »Cowspiracy« und »What the Health« eine große Rolle.

3. Der dritte Faktor ist der Schutz des Planeten. Vor nicht allzu langer Zeit waren viele Menschen, die den Klimawandel und seine verheerenden Folgen bekämpfen, dem Veganismus gegenüber ziemlich gleichgültig. Inzwischen reduzieren doch immer mehr Umweltschützer zumindest ihren Fleischkonsum.

Der Autor

Jeffrey Moussaieff Masson, geboren 1941 in Chicago, ist Verhaltensforscher und Psychoanalytiker. Mit seinen Büchern über das Gefühlsleben der Tiere, wie »Hunde lügen nicht« und »Katzen lieben anders« wurde er weltbekannt. Nach vielen Jahren in Berkeley, Kalifornien, übersiedelte er mit seiner Familie und zahlreichen Tieren nach Neuseeland. Heute lebt er mit seiner Frau Leila und den beiden Söhnen Ilan und Manu in Sydney und in Berlin. »In Berlin sieht mich keiner mehr komisch an, wenn ich sage, dass ich Veganer bin«, berichtet der Wissenschaftler. »Wir wohnen nur ein paar Hundert Meter entfernt von einem tollen veganen Lebensmittelmarkt, rundherum gibt es jede Menge entsprechende Lokale. Seine Frau und er haben die beiden Söhne, heute 16 und 21 Jahre alt, von Geburt an ohne Fleisch groß gezogen.

Das Buch

»Die verborgene Seele der Kühe« ist ein mitreißendes Plädoyer für mehr Respekt und Verständnis gegenüber den ihrer Würde und ihrer Rechte beraubten »Nutz«tieren. Denn die so genannten Nutz- und Hoftiere sind viel feinfühliger, klüger und empfindsamer, als wir gemeinhin glauben.

In seinem Buch »Die verborgene Seele der Kühe« räumt Jeffrey M. Mason mit dem Mythos vom gefühllosen »Nutztier« auf. Anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen, Berichten und Beobachtungen zeigt der Verhaltensforscher anschaulich, dass Kühe, Schweine, Schafe, Ziegen und Hühner über ein sehr komplexes Seelenleben verfügen.

Jeffrey M. Masson: Die verborgene Seele der Kühe
Das geheime Leben von Rindern, Hühnern, Schweinen und anderen Hoftieren
Überarbeitete Neuausgabe · 384 Seiten, Paperback
Heyne-Verlag · ISBN: 978-3-453-60461-2
Preis: € 12,99 [D] | € 13,40 [A] | CHF 17,90